Traumtagebuch (8)

Eine Asiatin und ich laufen hintereinander durch ein technisches Labyrinth. Viele Röhren, Treppen, metallische Apparaturen. Eine blonde Frau läuft in einigem Abstand hinterher. Wir sind Freunde. Es gilt ein bestimmtes Ziel zu erreichen, ehe eine nicht näher beschriebene, finstere Macht es tut. Wir werden immer schneller, begreifen, dass wir uns der Lichtgeschwindigkeit annähern. Die Welt um uns scheint sich zu verlangsamen.
Die Asiatin schert nach links aus, ruft: “Ich will jetzt hier raus!”
Eine ruhige, freundliche Erzählerstimme: “Und sie überwand die Zeit, ehe die Ambrosius-Funktion sie in einer Explosion verschlang.”
Ich folge ihr, durchbreche eine Art Lichtmauer, einen dicken, blauen Film in der Wirklichkeit. – Da zerspringt auch die Welt um mich herum in Scherben. So viele. Menschen sind darauf zu sehen, beim kochen im Wald oder am Schreibtisch sitzend. So große Schönheit, denke ich.

Jeder von uns dreien, setzt der Erzähler wieder an, lebt in seiner Zeit und Gegenwart ewig. Die blonde Frau erzählt er noch, wird nun auf ewig von ihrer Familie getrennt sein.

Aufwachen. Wie aus dem Tod.

Der Gestank bunter Gedanken

Prämisse 1: Beim aufwachen strömen unzusammenhängende Laute, Worte, Sätze durch meinen Schädel. Das ist schon seit ein paar Wochen so. Mal denke ich dann: »Blau sind alle Hörner des Teufels.« oder »Vergessenheit schielt nach den fauligen Phalloi aller alten Staatsmänner, da sie auf dem Friedhof verrotten.«
Es gibt (wenigstens scheint es so) kein Schema, keinen Traum dem die Gedankensätze, diese Wortgefetze folgen.

Prämisse 2: Auf der Straße sieht man dann uniforme Frauen in den immer gleichen farbenfrohen Gewändern, die betonen sollen: Ich bin einzigartig. Lässig über die Schulter geworfen eine spießige Ledertasche, die – vermute ich – noch immer Messenger-Bag genannt wird, eigentlich aber zu einem strengkatholisch-denkenden Deutschlehrer gehört. Anmut und Schönheit, wollen diese Frauen ausstrahlen und gleichzeitig, leicht-ironisierend mit dem Lehrer-Mief von 1988 kokettieren.

Konklusion: Meine Gedanken, die (das muss zu meiner Verteidigung gesagt sein) ganz von alleine kommen und fließen, sind ähnlich altbacken-kokett wie die Taschen der Buntmädchen. Sie miefen von Kitsch und blümerant-braun-farberhaltender Waschkraft. Sie sind betont jugendlich (manchmal auch nicht-jugendfrei und damit jugendlicher als alles andere) und unsinnig.

Traumklang

Eine Stimme die aus dem Kerbholz widerhallt, wie das blaue Echo eines Traums aus den Windungen des Verstandes. Schuldig bist Du!, kreischt die hohe, schrille Stimme, Schuldig bist Du! Und alle stehen daneben und blicken betreten in die Stille und in das Echo und in den Hall, da sie reifen wollen.

Das Gegenteil vom Traum-Echo ist, wenn man schon fast eingeschlafen ist und dann mit einem Zucken wieder zurück in die Wirklichkeit geschleudert wird. Das ist die Wachmauer. ; Wenn man dann ein Traumecho schaut ist das wie Stereo. Auf einem Ohr taub und auf dem anderen eingeschlafen. Auch Stereo ist, wenn man morgens wieder in den Traum zurückfindet, Stereo das man auf einem Ohr hört, weil man auf dem anderen schon wacht.

Aber wer schläft statt zu schuften macht sich schuldig und kriegt eine Marke ins Kerbholz geschlagen. Wer zuviele Kerben hat wird eingeschläfert.

Der Mensch taugt mehr als sein Geld

  • Wenn man sich nach dem Aufstehen nicht ankleidet, braucht man sich abends nicht wieder umzuziehen.
  • Wenn man kein Geld hat, kann man die Eurokrise getrost ignorieren.
Was man tut, braucht man nicht zu denken, denke ich und gehe eisfischen. Am Ende des Tages habe ich einen großen Sack gefrorenen Wassers auf dem Rücken und gehe zurück in meine Kate, wo ich über einem kleinen Feuer das Eis schmelze um Suppe daraus zu kochen.

Maschinenleben

Ich habe Wladimir Putin weinen sehen. Ganz rot waren seine Augen und die Lesebrille beschlagen. Darum ist Putin so ein feiner Mensch, weil er weinen kann.

Einen Hagebuttenaufguss trinken und dazu Mohngebäck fressen, wie wenn es kein Morgen mehr gibt. Musik: Die brandenburgischen Konzerte in der Putin-Interpretation.

Der Chef kommt als Harlekin vorbei und drückt jedem einen dicken Kuss auf die Wange. Mich ekelt.

Wenn Apparate aus Stahl und Kupfer und mit langen, leitenden Drähten versehen sind, haben sie soetwas wie eine Seele. Und wenn nicht, wohnt ihnen doch wenigstens ein Dämon inne.

Im Zaubertrickladen verkaufen sie Tauben und Kaninchen. Es geht zu wie in einer Zoohandlung. Jedoch: Ich kaufe brennbares Papier. Ich war immer schon mehr der Feuerzauberer.

Abakus, Schreibmaschine und Radio sind heute eine Maschine. Sie kommt ganz ohne Öl und Kohle aus und braucht nur das ewige Licht der Sonne und die Kraft des Mondes um zu denken.