hic sunt dracones

dreckiges Dutzend Sterne

Der Geruch von Schwefel liegt in der Luft, nachdem wir die alte Frau und ihren kleinen Enkel (ist es ihr Enkel?) niedergeschossen haben. Die alte Frau und ihren kleinen Enkel, die über die Schwelle kamen. Über die Schwelle unseres Hauses. Unseres Hauses, welches wir Jahrzehnte gepflegt haben. Unseres Hauses, das die Großeltern meiner Frau mit ihren eigenen Händen gebaut haben. In welchem sie Gäste empfangen haben, in welchem gelacht, gesungen und getanzt worden ist. Unseres Hauses, welches einmal unserem Sohn gehören soll.

Wir haben den Stacheldraht ausgerollt und Überwachungskameras installiert, Konserven gebunkert, die Fenster verrammelt. Wir haben die blaue Flagge eingeholt.

Jetzt sind Sie sicher entsetzt von uns. Weil wir die alte Frau und den kleinen Jungen erschossen haben. Und glauben Sie mir, ich bin auch noch ganz mitgenommen. Aber was hätten wir tun sollen. Die sind hier eingedrungen. In unser Haus. Wir sind gastfreundliche Leute, schon bei den Großeltern meiner Frau war es üblich, dass man Gäste empfing. Und man sagt, dass hier während des zweiten Weltkriegs sogar ein paar Juden versteckt worden seien. Sie sehen also, wir sind eine gastfreundliche Familie, wir haben keine Berührungsängste. Wir haben reagiert, wie wir reagiert haben, weil es um unseren Sohn ging. Man muss vorsichtig sein dieser Tage, man hört soviel. Das ist keine irrationale Angst, das sind berechtigte Sorgen.

Der Geruch von Schwefel liegt in der Luft, als unser kleiner Junge im Pyjama die Treppe herunterkommt. „Was ist denn los, Mama?“, fragt er meine Frau, er hat die Schüsse gehört. Rasch stelle ich mich vor die Toten, dass er soetwas nicht sehen muss. Aber es scheint bereits zu spät zu sein, ich sehe, wie eine Träne sein Gesicht hinabrinnt. Es sind dreckige Zeiten. Das hier ist die Schuld der Alten und des Jungen. Man muss solche Dinge tun, will man seine Familie schützen. Wir sind gastfreundliche, großzügige Menschen, aber man weiß nie, wer als nächstes in der Tür stehen könnte.

immer voran

Es regnet, ist düster. Gewitterdüster. Die vor mir liegende Straße ist lang und das Wasser zieht tief in meine Schuhe. Meine schönen, schwarzen Wanderschuhe. Die Sohle taugt wohl nichts mehr. Meine Socken sind feucht und bei jedem Schritt schmatzt es. Pfp, pfäbb, immer durch die Pfützen. Mein Haar hängt klatschnass über die Schultern, mein Verstand, stimuliert vom ewigen gleichgleich des Weges, beginnt kataton zu spintisieren. Pfp, pfäbb, Pfütze, prasseln; Pfp, pfäbb, Pfütze, prasseln. Was wenn das jetzt auf immer so weiter geht, mein Geist sich in dieser Endlosschleife verliert? Wo ist eigentlich Alex geblieben? Es können Minuten, Stunden, Wochen vergangen sein. Vermutlich ist er voraus, vielleicht auch zurückgefallen; dann sehen wir uns nie wieder.
Der Regen wird stärker. Vermutlich hat sich der Joyce in meiner Anoraktasche inzwischen vollständig aufgelöst. Oder aber ist fortgeschwommen, weg, dahin. Ich denke an den Bruder. Und an die Eltern. Die sitzen jetzt irgendwo im Trockenen.

Es geht weiter voran. Die Landstraße hinab. Und irgendwo wird auch wieder die Sonne scheinen.

als auch auf aus

buckelmann dachte dann
das dass den der
die doch ein eine
einem es gewesen ging.

hatte ich:
ihm im immer keine
käfer leid mehr meine.
meiner mich
mir mit,
nach nacht.

nicht noch nun nur
oder schon sein sich.
sie starrte träumen
tut um und,
vielleicht von vor.

vorstellung war wie wieder –
würde zu zum über.

aus der Schlinge

Sie hatten Thiele früh morgens aus Schlaf und Zelle gerissen. Heute sollte er hingerichtet werden. Sie würden ihn auf den Appellhof bringen und von dort in die kleine Todesgasse hinter Vorratsgebäude zwei. Maler stand aufrecht in seiner Zelle und schaute Thiele, als er vorbeigeführt wurde, direkt in die Augen. Mit Respekt und Traurigkeit. Thiele und Maler hatten sich noch nie gesehen, waren aber, wie sie hier die letzten anderhalb Jahre Zelle an Zelle verbracht und langsam dem Wahnsinn anheim gefallen waren, soetwas wie Freunde geworden.
„Na Thiele, Lust auf ne Partie Schach?“, hatte Maler morgens oft, eigentlich immer, gerufen und Thiele hatte dann auf seiner Seite der Wand die verschiedenen Steine, Knöpfe und Stofffetzen, die ihm als Figuren dienten, auf dem mit Filzstift auf den Boden gemalten Raster aufgebaut und gerufen: „Alles klar. Sag ne Zahl an!“
Und dann hatte Maler zurückgerufen: „138“ oder auch „44“ oder „90“ Immer mit diesem gewissen lauernden Ton. Dann war Thiele dran und musste mit der Zahl herausrücken, die er sich im Vorhinein überlegt hatte. War sie größer als Malers, dann fing Thiele das Spiel an, war sie kleiner, durfte Maler weiß spielen. Dann riefen sie sich über viele Stunden die Züge unzähliger Partien zu und verlebten so ihre Zeit im Todestrakt.
„Sag ne Zahl an!“, rief Thiele im vorbeigehen.
„112“
„Ich hatte die 1000. Da muss ich also als erster auf die Gasse.“
„Wir müssen da alle mal hin, Thiele. Ich bin nächste Woche dran.“
„Vielleicht spielen wir danach ja nochmal ne Partie.“
„Ja, bestimmt. Mach’s gut.“
Man musste Thiele lassen, dass er bis zum Schluss den Kopf hochhielt.

Und dann war er aus Trakt 4D verschwunden. Die anderen Häftlinge atmeten von nun an nur noch leise, warteten auf die unvermeidlichen Schüsse. Maler, der große starke Andre Maler, gar mit Tränen in den Augen. Doch die Schüsse erklangen nicht, den Thiele war vorher aufgewacht und so dem schrecklichsten Schicksal entronnen.
‚Was aber‘, dachte er beim Aufstehen, ‚ist mit Maler? Den knallen sie doch nächste Woche ab.‘