Stratocumulus

Wetterbericht XVI

22. September 2015

Dunkelheit. Der nasse Asphalt gleitet unter meinen bloßen Füßen dahin. Ich bedaure, nicht den lichten Abzweig geschritten zu sein.

22. September 2015

Der heiße Sand brennt zwischen meinen Fingern, Schweiß rinnt mir in den Nacken und ich sehne mich nach jenem dunklen Pfad, den ich nie gegangen bin.

26. Oktober

Es ist doch seltsam, wie es immer nur das Elend ist, das mich voran zu peitschen vermag. Freilich treibt es mich immer nur im Kreis.

6. November

Die ganze Nacht Neuronengewitter.

Wetterbericht XV

15. Juni 2015
Auf den Bus wartend befühle ich meine Zähne mit der Zunge. Hier fühle ich die flachen, breiten Mahlzähne. Wie beim in gemächlicher Ruhe grasenden Büffel; spüre den warmen Präriewind, schmecke die trockene Luft und das dichte Grün des unendlichen Gräsermeers. Doch da ist auch der glatte, spitze Eckzahn. Wildes Erbe jagender Ahnen, verschlagener, hinterlistiger Raubtiere. Einer sein, der die Lefzen in rohes noch von Leben bebendes Fleisch schlägt. Ich koste das satte Blutrot des Irdischen. Millionen Jahre Evolution hallen von allen Wänden tausendfach zurück.

17. Juni
David Prochnow: „Lebenslauf, der:“ (Blut und Salzwasser auf Knochen in Kiste, Entstehung: 1985 bis)

5. September
Die anstehende Sonnenumrundung stimmt mich nervös. Es ist zwar nicht die erste Reise dieser Art, doch mit jedem neuen Versuch steigt die Wahrscheinlichkeit auf einen letalen Ausgang der Operation.

Wetterbericht XIV

9. November 2014
Wände wohin man sich auch wendet. Also mit Köpfchen voran.

10. November
Was wenn ich sterblich wäre?

31. Januar 2015
Kälte und Dunkelheit sind mir die letzten Wochen mehr geworden als nur Motiv, Metapher, Mittel.

3. April
Unruhe, wilder Wind im fettigen Haar, Buchstaben verweben sich im Staub.

10. Juni
Der blaue Pflug vor dem Fenster ist so rostig wie eines Menschen Herz. Da muss doch mehr sein als das?

Wetterbericht XIII

19. September 2014
Die Orientierung dahin und in den Süden verstolpert. Kein Ziel. Kein Tag. Kein Jahr.

4. November
In einer Bäckerei steht plötzlich ein Mensch ohne Kopf vor mir. Dürre Beine, ein braun-karierter Mantel mit hohem Kragen. Dann nur noch Luft. Erst der Blick von der Seite enthüllt die grausige Wahrheit. Es handelt sich um ein Rollator-Ömchen, dessen Hals und Kopf um 90 Grad verrenkt sind.

5. November
Viele Tränen. Und auch der Wunsch danach. Jedoch: Keine Ohren zu hören, keine Augen zu sehen. Kurz: Niemand der mitfühlt. Ist es dann überhaupt geschehen oder nur Wunsch?

Wetterbericht XII

14. März
Schatten haben sich über sein Antlitz gelegt, dass er kämpfen muss.
Die Züge kantig, das Kinn mottenzerfressen und leer. Ein Schädel nur noch im Dunkel.

17. März
Wenn ich nur wollen könnte, was ich will, dann könnte ich vielleicht auch, was ich können will.

21. Mai
Wie wenn Mauern um einen herum einstürzen, ganze Gebäude, Türme, Wolkenkratzer. Und man kann nur dasitzen und ist wie schockgefrostet, oder gelähmt oder schlimmer.

20. Juni
Abenteuerlust, schön und gut. Aber eben vermengt mit der Angst vor Fremdem und Neuem. Keine gute Verbindung.

Wetterbericht XI

21. Mai 2013
Ich hab’s total verkackt. Das Beste ist vorbei und es war scheiße.

24. Mai 2013
Struktur.
Diskrete Mathematik. Keine Ahnung was das eigentlich genau ist, bilde mir aber ein, gut darin zu sein. Zum Beispiel kann ich oft aus begrenzten Informationen ein recht genaues Bild über die Menschen in meiner Umgebung zusammensetzen. Sehr kontrolliert, unemotional. – Kompliziert wird es immer dann, wenn Emotionen dazwischen funken. Dann entstehen Vorurteile, Fehlschlüsse und so fort. Das stimmt auch leicht depressiv. Emotionen sind immer auch Abbild der Traurigkeit. Wieviel einfacher ist es da als diskretes Objekt im stillen Kämmerlein zu sitzen und einigermaßen vorhersagbar vor sich hin zu vegetieren. Soviel zur diskreten Mathematik.

27. August 2013
Nie sind meine Selbstzweifel größer, als wenn ich andere verletze.

10. März 2014
Und ich stelle mich vor und sage: Das kann ich nicht und dieses, und ich bin auch sonst kein guter Mensch. Gesicht an die Wand und weinen.

Wetterbericht X

26. April 2013
In die Leere hineinleben. Leeres in eine leere Welt denken. Liebe ins Leer lenken. – Auflösung.

28. April 2013
Rückblickend kann ich nur sagen, dass ich mir an jenem 5. März nichts habe zu Schulden kommen lassen. Ich habe einfach nur dagesessen und in die Landschaft geschaut und auf den kleinen Hügel, der genau so war, wie er sein sollte (alle die was anderes behaupten, sind entweder pietät- oder hirnlos).
Und wenn der werte Herr, wenn der sich darüber zu beklagen hat, dass da einer rumlungert, dann soll der einfach mal nach dem Verbleib seiner eigenen Nase fragen. Die hatte zu diesem Zeitpunkt ja offenkundig auch nichts besseres zu tun, als unnötig Sauerstoff zu dioxidieren.

7. Mai 2013
Die Luft steht still, die Moleküle haben sich irgendwie so ineinander verschränkt, dass jetzt kein vor und zurück mehr möglich ist. Zunächst merkt man das am aussetzenden Atem, dann aber auch beim Versuch der Bewegung. Nur der Verstand geht noch, aber die Übersetzung von Gedanken in die Außenwelt (in Aktivität und Sprache) ist komplett zum Erliegen gekommen.

Wetterbericht IX

3. März 2013
Stete Einsamkeit höhlt die Seele. Längst sind da Kavernen gewachsen in denen man sich verirren, verlieren kann.

15. März 2013
Friemle wie blöd an der Wiecherts-Geschichte herum. Kein Strang will sich ordentlich mit dem anderen verdrehen lassen. Nichts greift ineinander. Vielleicht soll das auch so sein. Zwei parallele Geraden, die nicht gemächlich nebeneinander her, sondern schnurstracks aufeinander zurasen und sich dann, zu Einsamkeit verdammt, verpassen.

21. März
Klarere, prädikatfreie Sprache. Schnörkellos. Alleine schon das Wort Schnörkel. Igitt.
So eingeengt von Angst, wie das Meer von den Ufern.

26. März 2013
Ein öliger Film hat sich über das Leben gelegt. Tand und Schmutz bleiben kleben und jetzt wo die Tage länger, das Licht wärmer {::wird;}, beginnt alles zu verkrusten.

Wetterbericht VIII

24. Februar 2013
Sonntags-Kontemplation. Denke über Springspinnen und ähnliches Getier nach. O.K. sagt: „Springspinnen finden doch alle süß.“ O.K. sagt aber auch: „Ich identifiziere mich mit der Pferdebremse.“ Vermute bei ihm ödipal-masochistische Tendenzen, bin allerdings nicht approbiert solche Diagnosen zu stellen.

Gutes Thema für eine Doktorarbeit: Die Rolle der Gottesanbeterin in der post-feministischen Literatur nach 1968. – Eine entomo-poetologische Anmaßung.

→ Entomo-poetologische Betrachtungen V. Nabokovs

25. Februar 2013
Angst ist Schuld und redet Gestank. Andererseits: Admiral Ackbar begegnete mir im Wald und zog eine Grimasse wie ein Pferd. Wer wollte sich da nicht fürchten?

26. Februar 2013
Bringe es noch immer nicht über mich meinen Vater aus dem Adressbuch zu löschen. Irgendwann werde ich durch diese Liste scrollen und es wird sein, als ginge ich über einen Friedhof. Es sollte eine Möglichkeit geben solche Einträge, wie auf Papier durchzustreichen. Die Leute sind dann noch da, aber deaktiviert.