Stratocumulus

Wetterbericht VIII

24. Februar 2013
Sonntags-Kontemplation. Denke über Springspinnen und ähnliches Getier nach. O.K. sagt: „Springspinnen finden doch alle süß.“ O.K. sagt aber auch: „Ich identifiziere mich mit der Pferdebremse.“ Vermute bei ihm ödipal-masochistische Tendenzen, bin allerdings nicht approbiert solche Diagnosen zu stellen.

Gutes Thema für eine Doktorarbeit: Die Rolle der Gottesanbeterin in der post-feministischen Literatur nach 1968. – Eine entomo-poetologische Anmaßung.

→ Entomo-poetologische Betrachtungen V. Nabokovs

25. Februar 2013
Angst ist Schuld und redet Gestank. Andererseits: Admiral Ackbar begegnete mir im Wald und zog eine Grimasse wie ein Pferd. Wer wollte sich da nicht fürchten?

26. Februar 2013
Bringe es noch immer nicht über mich meinen Vater aus dem Adressbuch zu löschen. Irgendwann werde ich durch diese Liste scrollen und es wird sein, als ginge ich über einen Friedhof. Es sollte eine Möglichkeit geben solche Einträge, wie auf Papier durchzustreichen. Die Leute sind dann noch da, aber deaktiviert.

Wetterbericht VII

28. Januar 2013
Die Königin von Holland will also zurücktreten. Das schreit nach einem Liveticker. Bei Spiegel-Online gibt es sicher schon einen.
Wie es wohl ist KönigIn von Holland zu sein? Bestimmt hat man eine Schatzkammer und eine Krone aus Platin und einen Chauffeur. Das wäre wohl ein Leben, das ich mir gefallen ließe. Vielleicht ist es an der Zeit eine entsprechende Bewerbung zu schreiben.

10. Februar 2013
Gleichnis von Kamel und Tigerross
Als ich mich einmal in der Kamel- und Zebrazucht betätigte (was zur Bekämpfung des finsteren Panthers Trübsal geschah), sah ich am Himmel ganz viele Sterne. Bald aber gingen mir die Kamele ein und die Tigerpferde rannten davon: Da saß ich dann ganz allein im Wüstenstaate X und musste bittere Tränen vergießen und die kalten Sterne waren nur noch bedrohlich und kein Labsal mehr.

14. Febraur 2013:
Nach Beatrix nun auch noch Schavan und der Papst. Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab.

20. Februar 2013:
Mit jeder Seite die ich lese wächst die Verzweiflung. Da ein guter Satz, dort eine geniale Formulierung. Weshalb bin ich zu dumm für sowas?

Wetterbricht VI

18. Januar 2013
Sehr geehrter Herr H.,
ich muss unbedingt wissen, ob Sie da in Ihrer Notiz vom 9. Dezember des vergangenen Jahres variieren, was ich variiert zu sehen glaube. Ich weiß ja, dass Sie im Moment andere Sorgen haben, insofern brauchen Sie nicht extra zu antworten, lassen Sie mich bitte nur wissen, ob ich irre oder nicht irre.
Ergebenste Grüße,
Prochnow

20. Januar 2013
Was für ein seltsamer Moment das ist, wenn die Selbsterkenntnis, ein komischer Kauz zu sein, über einen kommt. Nicht, dass es mir etwas ausmachte, aber ein bisschen überrascht bin ich doch.
→ Schuhu

26. Januar 2013
Wenn was rollen will, dann soll man’s rollen lassen. Was aber wenn man das selber ist?, nachdem man sich in Sisyphosmanier einen Hang hinaufgequält. Was wenn man immer nur abwärts kugelt. Was wenn das nur geschieht, weil es Zeus kommöd ist einen immer und immer wieder mit belustigtem Fingerschnippen in die Tiefe zu schleudern?

Wetterbericht IV

9./10. November:
Als ich den Stapel mit den Lochkarten in das ratternde Gerät stecke verspüre ich eine gewisse Erleichterung. Die zugrunde liegenden Fragebögen bilden meine ganze Persönlichkeit ab; dass das Elektronengehirn diese nun ausmisst, berechnet und schließlich in feinen Kurven und eleganten Skalen zu Papier bringen wird, das verleiht Ruhe und Gelassenheit.
Nach Minuten des Knatterns und Knurrens, des Schnaufens und Stöhnens aus den Untiefen jenes Rechenknechtes die überraschenden Ergebnisse: mangelndes Selbstvertrauen und fehlende Leistungsmotivation auf der Schuldenseite; vor allem Lesen und Schreiben, aber auch Rechnen und selbständiges Arbeiten in den Assets (ja, doppelte Buchführung kann ich auch). Seit der ersten Leistungsbeurteilung durch meine tadellose Grundschullehrerin Frau D. sind also keine wesentlichen Änderungen eingetreten. Weder auf meiner Seite, noch auf der des Apparates.
Notiz an mich selbst: Sollte meine Kopfform vermessen lassen.

15. November
Links von mir sitzt einer, der langsam „www-autorennspiele“ in den Google-Suchschlitz tippt. Sehr langsam. Er führt eine Diskette (3,5 Zoll, 1,4 Megabyte) mit sich, auf der er sein ganzes Leben gespeichert hat. Es ist ein entweder spätherbstlicher oder aber frühwinterlicher Tag im November 2012.

1./2. Dezember
Noch immer Spätherbst/Frühwinter. Ich mag: Den scheinbar chaotischen Zerfall der Natur, die sich auf den nächsten Frühling vorbereitet. Wie die Enten im fettigen Gefieder sich aneinander schmiegen und wie die letzten Herbstblätter vermulchen. Ich mag nicht: Wie sich der alte Panther unstet in glanzlosem Pelz hin und herrollt, Steine und Kamelhoden kaut.

Wetterbericht III

29. Oktober
Klarheit nur in Momenten der Verzweiflung, dann aber zu schwach, irgendetwas zu fixieren.

30. Oktober
Kafkaeske Erfahrung: Um ein Formular ausfüllen zu lassen gehe ich zum Arzt. Nach einigen obligatorischen Fragen („Hören Sie Stimmen? Haben Sie Wahnvorstellungen?“ – „Nein, so schlimm ist es noch nicht.“), die vermutlich jeder Patient zu hören kriegt, werde ich verkabelt: Je zwei Klemmen an den Beinen und Armen, an der Brust sondiert. Die elektrische Leitfähigkeit meines Herzens wird geprüft. Ein wie widerstandsfähiges Bauteil bin ich?

1. November
Verblöde zusehends. Doppelpunkt. Klammer auf. Projektion von Gefühlen in/auf einen extravagant-reduzierten Zeichensatz. Seltsame Entwicklung.
Doppelpunkt, Klammer auf: Zwei Byte Traurigkeit.
Semikolon, Klammer zu: Zwei Oktette Vertrauen.
Doppelpunkt, kapitales D: 16 Bit Frohsinn.

Wetterbericht II

17. Oktober
20 Seiten gelöscht. Zu stupid und unästhetisch. – Versehe jetzt diverse Ein-bis-Drei-Absatz-Entwürfe mit Titeln. Wertloses Rumgeschiebe.

27. Oktober
Lange sinnlos geredet. Gestern im Dunkeln die Faust erhoben. Dann aber erschrocken zurückgerissen und einen Schokoriegel vertilgt. Alles besser als anecken, denke ich mir.

28. Oktober
Im Traum scheiterte ich an einem Dreisatz. Meine Beine klumpten kalt und die Augen brannten vor lauter Romantik. Der Tomatenpreis für 357 Gramm: Ein Rätsel. Beim Erwachen den stumpfen Geruch von Versagen und Unzulänglichkeit auf der Zunge. Pfui!

Wetterbericht

13. Oktober:
Lustwandeln durch dunklen Regen. Jacke und Pullover vollends durchnässt, aus den Schuhen suppt das kalte Wasser. Atme genießerisch (ein und auch aus).

14. Oktober:
Jeden verdammten Tag wache ich auf und denke: Das ist jetzt der Anfang vom Rest. Dann stumme ich nur sitzend da und starre in Buchstaben und Bilder fremder Leben. Putting the ich into Konservengesicht.

15. Oktober:
Der Himmel ist jetzt wieder blau, nicht mehr so schwarz wie noch am Samstag. Wenige, weiße Wolken. Temperatur: Kristall.