{"id":1013,"date":"2018-01-05T18:51:15","date_gmt":"2018-01-05T17:51:15","guid":{"rendered":"http:\/\/drakespeak.de\/?p=1013"},"modified":"2018-01-05T18:51:15","modified_gmt":"2018-01-05T17:51:15","slug":"kroko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/drakespeak.de\/?p=1013","title":{"rendered":"Kroko"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher, ehe alle Uhren hatten und per Funkverbindung mit der Au\u00dfenwelt in stetem Kontakt standen, fr\u00fcher also, da hat man die Leute auf offener Stra\u00dfe um die Zeit angebettelt. Mir war das nie angenehm, wenn da wieder so ein Zerlumpter ankam und schnarrend schnorrte: &#8220;Haste mal die Zeit?&#8221;<\/p>\n<p>Nur widerwillig hob ich dann den Arm und lie\u00df den Uhrzeitlosen das Ziffernblatt meines blitzenden Chronometers ablesen, um ihn dann rasch wieder unter den \u00c4rmeln von Wams und J\u00e4cklein verschwinden zu lassen. Zugegeben: Die Uhrzeit war und ist eine fl\u00fcchtige Information und ich halte es f\u00fcr unwahrscheinlich, dass irgendeiner der Schnorrer von damals durch Weitergabe und Kopie der erbettelten Uhrzeiten nennenswerte Gewinne gemacht hat. Dennoch: In fr\u00fcheren Zeiten war es durchaus \u00fcblich, die genaue Uhrzeit zu verkaufen. Kleine hutzlige Weiblein, die die exakte Zeit am Observatorium eingeholt hatten, zogen von Haus zu Haus und boten die Uhrzeit feil. Ich wette, damals w\u00e4re niemand auf die Idee gekommen, die teuer erstandene Uhrzeit einfach so anderen mitzuteilen. Nicht nur wusste man damals den Wert des erworbenen Informationsvorsprungs noch zu sch\u00e4tzen, nein man hatte auch ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, dass man den alten Zeit-Hausiererinnen durch illegitime Weitergabe und insofern Raubkopie der Uhrzeit das Gesch\u00e4ft verdorben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Noch heute ist es unter guten Freunden oder Familienmitgliedern \u00fcblich, nach Uhrzeit oder sogar Wochentag und Datum zu fragen. Ich habe nichts dagegen, solche Informationen im engen Kreise zu teilen. Ohne Weiteres kann soetwas zur Vertrauensbildung beitragen, alle Beteiligten wissen, dass man es hier mit einem reziproken Tauschwert zu tun hat. \u00c4hnlich, wie wir Freunden nur deshalb beim Umzug helfen, weil wir wissen, dass sie uns fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch werden helfen m\u00fcssen, teilen wir Zeitsignale auch nur deshalb, weil wir mit entsprechenden Gegenleistungen rechnen.<\/p>\n<p>Einmal, Ende der 90er-Jahre, war ich mit meinem alten Kumpel Kroko unterwegs. Es war fr\u00fcher Nachmittag im Herbst, als ein offensichtlich zeitinsolventes Individuum auf uns zukam und allen Ernstes fragte: &#8220;Welches Jahr haben wir?&#8221; Eine Ungeheuerlichkeit und wohl in etwa das \u00c4quivalent zur Frage: &#8220;Hammse mal nen Hunderter?&#8221; &#8211; Soetwas fragte und fragt man nach wie vor nicht und ich kann bis heute nicht glauben, dass Kroko dem Mann tats\u00e4chlich das Jahr ansagte. Ich finde soetwas obsz\u00f6n und absto\u00dfend, habe Kroko aber nie gesagt, wie ich das empfand und nun ist er tot und ich bin immer \u00f6fter allein.<\/p>\n<p>So allein, dass ich manches mal in der Nacht f\u00fcr 20 Cent die Zeitansage anrufe und mir von sanfter Stimme die auf zehn Sekunden genaue Uhrzeit zus\u00e4useln lasse: &#8220;Beim n\u00e4chsten Ton ist es 22 Uhr 21 Minuten und 20 Sekunden&#8221; &#8211; <i>piep<\/i> &#8211; &#8220;Beim n\u00e4chsten Ton ist es 22 Uhr 21 Minuten und 30 Sekunden&#8221; &#8211; <i>piep.<\/i><\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich schlecht dabei, diesen kostenpflichtigen Dienst zu nutzen, wie so ein Telefonsex-Kunde. Aber was soll ich sagen: Es ist dann doch st\u00e4rker als ich und ich rufe die Automatenzeit an. Anst\u00e4ndiger, als irgendwelche Leute auf der Stra\u00dfe anzuquatschen ist es auf jeden Fall, denke ich mir und lausche auf den n\u00e4chsten Ton.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher, ehe alle Uhren hatten und per Funkverbindung mit der Au\u00dfenwelt in stetem Kontakt standen, fr\u00fcher also, da hat man die Leute auf offener Stra\u00dfe um die Zeit angebettelt. 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