{"id":1031,"date":"2018-10-31T12:06:25","date_gmt":"2018-10-31T11:06:25","guid":{"rendered":"https:\/\/drakespeak.de\/?p=1031"},"modified":"2018-10-31T12:06:25","modified_gmt":"2018-10-31T11:06:25","slug":"lesestunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/drakespeak.de\/?p=1031","title":{"rendered":"Lesestunde"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Der Himmel hatte die Farbe von kaltem Haferbrei.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"padding-left: 90px;\"><em>Ronco &#8211; Der Ge\u00e4chtete, Heft 86, Dezember 1973<\/em><\/p>\n<p>Der Abend war gesellig, das Publikum in einen zufriedenen Zustand kognitiven Stand-Bys verfallen. Die Stimmen der Lesenden drangen nur noch dumpf, wie durch schwarze Watte zu ihnen vor. Kurzum: Es war wie eine sechste Stunde Latein.<\/p>\n<p>Die schwerm\u00fctige Dichterin aus dem Vorort hatte bereits ihre hyperkatalektischen Hexameter voller Tod und Verderben \u00fcber die Lauschenden gebracht, der nerv\u00f6se, ephebische Tagebuchschreiber seine Erlebnisse und politischen Ansichten der letzten Wochen vorgetragen.<\/p>\n<p>Und nun war der Typ mit dem unordentlichen Haar und der l\u00f6chrigen Hose vorgetreten und begann einen unverst\u00e4ndlichen Meta-Text \u00fcber das Wesen solcher und \u00e4hnlicher Veranstaltungen vorzulesen. Zu lange, verschachtelte S\u00e4tze, unverst\u00e4ndliche Xenismen (also Fremdw\u00f6rter). Das Wort hyperkatalektisch hallte in den m\u00fcden Hirnwindungen der Zuh\u00f6renden nach. Kein Mensch verstand, was dieser Cretin ihnen da zumutete. In den vorderen Reihen, wo man mit dem absto\u00dfenden \u00c4u\u00dferen des widerw\u00e4rtigen Schreiberlings besonders direkt konfrontiert war, entwickelten sich rasch erste Anzeichen von Verachtung. Aus zivilisatorisch-gesellschaftlichen Gr\u00fcnden manifestierten die sie sich zun\u00e4chst blo\u00df in ungeduldigem F\u00fc\u00dfescharren. Der Lesende sah von seinem Blatt, an dem er sich bislang nerv\u00f6s festgehalten hatte, auf und blickte in Richtung des Scharrenden.<\/p>\n<p>Missbilligend r\u00fcmpfte er die Nase und versuchte dann sich wieder im Text<\/p>\n<p>zurechtzufinden. Eine unn\u00f6tige, die allgemeine Stimmung weiter vergiftende Pause entstand.<\/p>\n<p>\u201eWie lang das wohl noch geht?\u201c, murmelte in einer der hinteren Reihen eine junge Frau ihrer Begleiterin zu.<br \/>\n\u201eEr scheint noch ein paar Seiten zu haben.\u201c<br \/>\n\u201eB\u00e4h. Hoffentlich hat er viele kurze Dialogzeilen drin.\u201c<br \/>\n\u201eJa, dann ist es weniger lang.\u201c<br \/>\n\u201eUnd was soll eigentlich ephebisch hei\u00dfen?\u201c<\/p>\n<p>Die beiden waren eigentlich nur hier, um die hyperkatalektischen Gedichte ihrer Freundin Marion, der schwerm\u00fctigen Dichterin wohlfeiler Reime wie Tod auf Brot, Fest auf Pest oder Schandtat auf Pfandautomat, anzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Eigentlich konnten die beiden Marion auch nicht besonders leiden und verachteten auch ihre Schreibkunst aus tiefstem Herzen. Doch sie geh\u00f6rten nun einmal einem gemeinsamen sozialen Zirkel an und waren zu einem ungl\u00fcckseligen Zeitpunkt in der Vergangenheit einmal Marions Einladung zu einem &#8220;Dichterinnen-Abend&#8221; gefolgt. Und nun brachte keine von ihnen es \u00fcber sich, ihr einmal deutlich zu sagen, was sie von ihren ungelenken Hexametern hielten, weshalb Marion sie nun bei jeder sich bietenden Lesegelegenheit ins Publikum zwangsrekrutierte.<\/p>\n<p>Die Ablehnung von Text und Autor in den vorderen Reihen war inzwischen deutlich sp\u00fcrbar. Ein dem Schreiberling zumindest fl\u00fcchtig bekanntes P\u00e4rchen in der dritten Reihe stand auf und steuerte die Theke im hinteren Bereich des Raumes an. Es war klar, dass sie nach einer M\u00f6glichkeit suchten, sich ungest\u00f6rt zu unterhalten und dem Ort des Geschehens rechtzeitig zu entfliehen, um nach der Lesung m\u00f6glichem Smalltalk mit dem Vortragenden auszuweichen.<\/p>\n<p>Der wiederum besch\u00e4ftigte sich in seinem kruden Metatext indes mit der Publikumsbeledigung, einer Kunst, die er offenkundig nicht beherrschte. Von der Metaphorik des Textes angestachelt, breiteten sich Verachtung und Hass metastasenartig, gleich einem Wurzelwerk oder Rhizom aus. Der Scharrende aus der ersten Reihe war der erste, der sich lautstark Luft machte: \u201eNun gib endlich Ruhe, du Penner!\u201c<\/p>\n<p>Eine grauhaarige Frau im hinteren Teil des Raums warf eine Bierflasche in Richtung des Vorlesenden. Sie schlug auf dem Boden auf, Scherben und ein schaler Schoppen Maurerbrause verteilten sich. Ein volumin\u00f6ser Herr von diesem buchst\u00e4blichen Bruch gesellschaftlicher Norm angestachelt, stand auf und schlug dem Lesenden ins Gesicht, sodass dieser zu Boden ging. Eine weitere Bierflasche, irgendwo aus der Tiefe des Raums geworfen, traf den Volumin\u00f6sen am Hinterkopf. Der Mann drehte sich um und warf wiederum seine eigene Flasche in Richtung desjenigen Mannes, den er f\u00fcr die Ursache des vorangegangenen Wurfes hielt. Er traf eine kleine Frau mit apoplektisch asymmetrischen Gesichtsz\u00fcgen an der Schl\u00e4fe.<\/p>\n<p>Hass und Wut gerieten zusehends au\u00dfer Kontrolle. Der eben noch so gleichg\u00fcltig-gem\u00fctliche Leseabend glich immer mehr einem AfD-Parteitag.<\/p>\n<p>Der Autor hatte sich indes wieder auf die Beine gek\u00e4mpft. Tapfer setzte er an, seinen Text weiter vorzutragen. In einer den Tod seines Meta-Autors antizipierenden Prolepse verwendete er den Begriff &#8220;kranial&#8221;, was emp\u00f6rte Buhrufe aus dem Publikum evozierte.<\/p>\n<p>&#8220;Kranial? Prolepse? Evozieren? Antizipieren? Red mal normal!&#8221;, schrie, von der allgemeinen Eskalation aufgestachelt, eine der Freundinnen der schwerm\u00fctigen Dichterin. Zustimmungsrufe aus verschiedenen Ecken hallten durch den Raum.<\/p>\n<p>&#8220;Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe!&#8221;, rezitierte mit dramatischer Stimme die Hyperkatalektikerin.<\/p>\n<p>Der Begleiter der kleinen Apoplektikerin, ein d\u00fcrrer Herr mit Glatze und kleinkariertem Hemd, k\u00e4mpfte sich nach vorne, um vom Volumin\u00f6sen Genugtuung, f\u00fcr das seiner Begleitung zugef\u00fcgte Leid, zu fordern. Dabei trat er einem Sch\u00e4ferhund, der neben dem Stuhl seiner Besitzerin lag, auf den Schwanz. Das Tier biss dem Begleiter der Apoplektikerin ins Bein. Seine Besitzerin versuchte ihn festzuhalten, doch der Hund riss sich los und st\u00fcrmte aufgeregt durch den Raum.<\/p>\n<p>Mittlerweile dr\u00e4ngte, in der Hoffnung die Situation durch gro\u00dfe, dramatisch vorgetragene Lyrik begleiten zu k\u00f6nnen, auch die hyperkatalektische Dichterin wieder nach vorne und setzte zum halbimprovisierten Vortrag an. Der ephebische Tagebuchschreiber, nerv\u00f6s-bebend in einem kleinen Sessel am Rande des Raums sitzend, hatte sein Notizb\u00fcchlein gez\u00fcckt und schrieb auf, soviel er erfassen konnte. Der Autor mit der l\u00f6chrigen Hose stie\u00df die Dichterin in Richtung des Sch\u00e4ferhundes. Der wich ihr aus und st\u00fcrzte auf den absto\u00dfenden Schreiberling zu. Jener riss erschrocken die Arme in die H\u00f6he, konnte das auf ihn zueilende canine Unget\u00fcm aber nicht abwehren. Mit einer kranialen Bewegung in Richtung Maul, versuchte er sich vergeblich in den Hals des Tiers zu krallen.<\/p>\n<p>Nun war das Monstrum \u00fcber ihm und riss sein schreckliches Maul auf. Lohfarbener Faulodem, falbe Lefzen, blutdurstig, fleischhungrig. Es biss zu, wieder und wieder.<\/p>\n<p>Der Autor mit dem unordentlichen Haar war tot. Die Hyperkatalektikerin schleppte sich einmal noch nach vorn, apathisch-elegisch legte sie alle verbleibende Kraft in ihre Stimme und sprach: &#8220;Tot! Tot wie Brot!&#8221;<\/p>\n<p>Der Epehebe bebte. Der Hass verhallte.<\/p>\n<p>Und noch immer hatte der Himmel die Farbe von kaltem Haferbrei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Himmel hatte die Farbe von kaltem Haferbrei. Ronco &#8211; Der Ge\u00e4chtete, Heft 86, Dezember 1973 Der Abend war gesellig, das Publikum in einen zufriedenen Zustand kognitiven Stand-Bys verfallen. Die Stimmen der Lesenden drangen nur noch dumpf, wie durch schwarze Watte zu ihnen vor. Kurzum: Es war wie eine sechste Stunde Latein. 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