{"id":1049,"date":"2018-12-18T18:11:45","date_gmt":"2018-12-18T17:11:45","guid":{"rendered":"https:\/\/drakespeak.de\/?p=1049"},"modified":"2018-12-18T18:11:45","modified_gmt":"2018-12-18T17:11:45","slug":"im-winter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/drakespeak.de\/?p=1049","title":{"rendered":"im Winter"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Tage werden jetzt wieder l\u00e4nger, denke ich unvermittelt und ohne guten Grund, w\u00e4hrend ich auf dem Rad durch Dunkelheit und schlammige Pf\u00fctzen pfl\u00fcge. Es ist zwei Uhr morgens und richtig kalt. Der Rei\u00dfverschluss meiner Jacke ist irgendwann im Herbst kaputt gegangen und entsprechend sind Hals, Brust, Nieren ungesch\u00fctzt der eisigen Nachtluft ausgesetzt. Keinen Schal, keine M\u00fctze. Zumindest zwei d\u00fcnne Handschuhe habe ich. Trotzdem r\u00e4udig. Noch f\u00fcnf Kilometer hinab ins Tal.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort liegt sie unter ihrer alten Pferdedecke und stirbt. Der Sterbebegleiter hat mich angerufen und gesagt, dass es jetzt an der Zeit ist Abschied zu nehmen. Das hat er so gesagt. Als ginge man auf den Bahnsteig, sagte: &#8220;Bis bald, Mama&#8221;, und l\u00fcftete dann, ein kleines Tr\u00e4nchen verdr\u00fcckend, ein wei\u00dfes Taschentuch mit Monogramm, da der Zug sich allm\u00e4hlich in Bewegung setzt. Nicht als l\u00e4ge sie da unter ihrer Pferdedecke im Kalten. Ich seh&#8217; es vor mir, wie ihr Atem sich in der kalten Luft bricht. Darum bin ich aufs Rad gestiegen, hab mich auf den Weg gemacht, die 60 Kilometer bis E. zu fahren und jetzt sind es nur noch drei Kilometer hinab ins Tal.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mond steht voll am Himmel, am Stra\u00dfenrand schimmern matschige Schneereste. Es geht jetzt die Serpentinen hinab, vorbei am freistehenden Haus der Bergers, dem ersten kleinen Vorposten unseres Dorfs. Es ist weihnachtlich geschm\u00fcckt. H\u00fcbsch, denke ich und vergesse f\u00fcr einen kurzen Augenblick meine Mama unter der Pferdedecke. Ich wei\u00df gar nicht, ob die Bergers hier noch leben. Zwei Kilometer noch hinab ins Tal.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier im Dorf sind alle H\u00e4user geschm\u00fcckt und auf dem Anger steht ein gro\u00dfer Weihnachtsbaum, bunt behangen wie jedes Jahr. Als ich klein war, haben beim Schm\u00fccken immer alle mitgemacht, das ganze Dorf. Heute, hat Mama mir einmal erz\u00e4hlt, machen nur noch wenige dabei mit. Die Leute haben keine Zeit mehr. Aber wenn ich mal Kinder h\u00e4tte, hat Mama sich dann vorgestellt, dann k\u00f6nnte sie immer mit denen da hin. &#8211; Pustekuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Rad lehne ich an die Hauswand, hole meinen Haust\u00fcrschl\u00fcssel (ich habe ihn seit ich sechs bin und ihn an einem Stoffband um den Hals h\u00e4ngen hatte) aus der Tasche hervor. Leise schlie\u00dfe ich auf. Es ist dunkel und die K\u00fcche, die man hier gleich durch die Haust\u00fcr betritt, liegt kalt und feindlich vor mir. Die Schuhe zieh ich aus, suche den Schalter und mache das Licht an. Ich habe Angst, sie aufzuwecken, bin so leise wie es nur geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist einen Monat her, dass ich mich her getraut habe und jetzt wo ich hier stehe, in der Nacht auf den 24. Dezember, da f\u00fchle ich mich wie ein Einbrecher. Ich schleiche auf leisen Sohlen zum Wohnzimmer, wo das gro\u00dfe Krankenbett steht. Leise dr\u00fccke ich die Klinke hinunter, lausche durch den d\u00fcnnen Schlitz hinein, h\u00f6re ihren schwachen Atem. Ich schlie\u00dfe die T\u00fcr wieder, es ist jetzt drei Uhr morgens und ich will sie nicht wecken, wie sie da unter ihrer Pferdedecke liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in der K\u00fcche schaue ich, viel zu aufgeregt, mich schlafen zu legen, in die Schr\u00e4nke, hole eine uralte Packung gemahlene Mandeln heraus, Eier aus dem K\u00fchlschrank, Zucker, Zimt. Das braucht man doch so ungef\u00e4hr f\u00fcr Zimtsterne, oder? Ich stelle mir vor, wie die Sonne aufgeht und ich mit dem Teller mit frischen Zimtsternen dastehe und frohe Weihnachten w\u00fcnsche und wie wir dann \u00fcber alles sprechen, was vielleicht noch zu besprechen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich misslingen die Zimtsterne, werden zumindest keine Sterne, sondern eigent\u00fcmlich unf\u00f6rmige Klumpen. Aber was macht das schon, solange sie schmecken. W\u00e4hrend die Zimtklumpen im Ofen backen, sp\u00fcle ich ab und denke jedes mal, wenn ich das Wasser durch die alten Leitungen laufen lasse kurz, dass Mama aufwachen k\u00f6nnte. Ich sp\u00fcle und weine dabei vor Angst. Schlie\u00dflich hole ich die Kl\u00fcmpchen aus dem Ofen, stelle das Blech \u00fcber dem Sp\u00fclbecken ab. Sie riechen gut, wie richtige Zimtsterne, nur eben in k\u00fcmmerlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen blaut es schon ein bisschen, bilde ich mir ein. Aber vermutlich ist das Quatsch, denn es ist gerade mal halb f\u00fcnf und der Mond steht noch in voller Gr\u00f6\u00dfe am Himmel. Am K\u00fcchentisch \u00fcbermannt mich immer wieder der Schlaf und ich tr\u00e4ume ganz leise von fr\u00fcher und im Traumecho ist alles noch gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen acht (und jetzt d\u00e4mmert es wirklich) lege ich die Pl\u00e4tzchen auf einen Teller und den Teller auf das alte Holztablett, das wir hier schon vor 20 Jahren hatten. Von drau\u00dfen hole ich einen kleinen Tannenzweig, den lege ich mit auf das Tablett und eine Tasse schwarzen Tee mache ich, den mag sie am liebsten. Eine winzige Bienenwachs-Kerze finde ich auch noch und stelle sie dazu, dass es sch\u00f6n aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit gehe ich also zur Wohnzimmert\u00fcr, die ich wieder ganz leise \u00f6ffne, um erst mal vorsichtig zu lauschen, ob ich ihren Atem noch h\u00f6r&#8217;.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Text ist Teil von&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/projekttxt.net\/\"><em>Projekt *.txt<\/em><\/a><em> . Er ist eine Einreichung zum Wort <\/em><a href=\"https:\/\/projekttxt.net\/2018\/12\/05\/das-zwoelfte-wort-2018\/\"><em>Weihnachten<\/em><\/a><em>.<\/em><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tage werden jetzt wieder l\u00e4nger, denke ich unvermittelt und ohne guten Grund, w\u00e4hrend ich auf dem Rad durch Dunkelheit und schlammige Pf\u00fctzen pfl\u00fcge. Es ist zwei Uhr morgens und richtig kalt. 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