Unkünstlerische Sprichwörter I

„Ein Kaninchen über den Harz tragen.“

Erklärung:
Eine vollkommen sinnlose, aber sehr anstrengende Tätigkeit vollführen.

Beispiel:
Tobias baut eine fünf Meter hohe Buck-Rogers-Stahlebton-Statue in den Innenhof. Da könnte er auch gleich ein Kaninchen über den Harz tragen.

Herkunft:
Das Sprichwort gehört in die Kategorie der selbstevident-experimentellen Unkunst. Im Jahr 2009 sollen die Unkünstler Oma Kack und Spinnenbein eine Expedition quer durch den Harz unternommen und dabei permanent ein Kaninchen namens Lüder mit sich geführt haben, um dieses neue Sprichwort zu schaffen. „Q.e.d.“, soll Oma Kack zum Abschluss gerufen haben, ehe er scheintot auf dem Bahnhofsvorplatz von Thale zu Füßen des lokalen Prinzen niedersank.

Wetterbericht XVI

22. September 2015

Dunkelheit. Der nasse Asphalt gleitet unter meinen bloßen Füßen dahin. Ich bedaure, nicht den lichten Abzweig geschritten zu sein.

22. September 2015

Der heiße Sand brennt zwischen meinen Fingern, Schweiß rinnt mir in den Nacken und ich sehne mich nach jenem dunklen Pfad, den ich nie gegangen bin.

26. Oktober

Es ist doch seltsam, wie es immer nur das Elend ist, das mich voran zu peitschen vermag. Freilich treibt es mich immer nur im Kreis.

6. November

Die ganze Nacht Neuronengewitter.

Traumtagebuch 21

Im Rahmen eines informatischen Studiums findet eine nächtliche Exkursion zum Hauptbahnhof statt. Die Professorin nimmt ein Blatt Papier und zerreißt es zunächst leicht schräg, längs in zwei Hälften. Danach zerreißt sie die beiden Hälften in jeweils acht etwa gleichgroße Stücke. Insgesamt hält sie nun also 16 viereckige Stücke Papier in Händen und ruft: „Jetzt stellen Sie sich mal vor, das wären die Züge hier. Rechnen Sie mal aus, wieviele Möglichkeiten es jetzt gibt, das Blatt wieder zusammen zu setzen. Dann sehen Sie, wie komplex so ein Bahnhof ist.“

Ich rechne eine Weile vor mich hin und komme zu dem Ergebnis, dass es wohl (2×8×4×2)! = 128! Möglichkeiten sein müssen. Der Versuch 128! auszurechnen erschöpft mich sosehr, dass ich aufwache.

128! (lies 128 Fakultät) ist das Produkt aller natürlichen Zahlen von 1 bis 128 also 1×2×3×4×…×128. Laut Internet entspricht dies der Zahl 385620482362580421735677065923463640617493109590223590278828403276373402575165543560686168588507361534030051833058916347592172932262498857766114955245039357760034644709279247692495585280000000000000000000000000000000. Ein schöner numerischer Ausdruck für die Komplexität meines Traumbahnhofs.

dreckiges Dutzend Sterne

Der Geruch von Schwefel liegt in der Luft, nachdem wir die alte Frau und ihren kleinen Enkel (ist es ihr Enkel?) niedergeschossen haben. Die alte Frau und ihren kleinen Enkel, die über die Schwelle kamen. Über die Schwelle unseres Hauses. Unseres Hauses, welches wir Jahrzehnte gepflegt haben. Unseres Hauses, das die Großeltern meiner Frau mit ihren eigenen Händen gebaut haben. In welchem sie Gäste empfangen haben, in welchem gelacht, gesungen und getanzt worden ist. Unseres Hauses, welches einmal unserem Sohn gehören soll.

Wir haben den Stacheldraht ausgerollt und Überwachungskameras installiert, Konserven gebunkert, die Fenster verrammelt. Wir haben die blaue Flagge eingeholt.

Jetzt sind Sie sicher entsetzt von uns. Weil wir die alte Frau und den kleinen Jungen erschossen haben. Und glauben Sie mir, ich bin auch noch ganz mitgenommen. Aber was hätten wir tun sollen. Die sind hier eingedrungen. In unser Haus. Wir sind gastfreundliche Leute, schon bei den Großeltern meiner Frau war es üblich, dass man Gäste empfing. Und man sagt, dass hier während des zweiten Weltkriegs sogar ein paar Juden versteckt worden seien. Sie sehen also, wir sind eine gastfreundliche Familie, wir haben keine Berührungsängste. Wir haben reagiert, wie wir reagiert haben, weil es um unseren Sohn ging. Man muss vorsichtig sein dieser Tage, man hört soviel. Das ist keine irrationale Angst, das sind berechtigte Sorgen.

Der Geruch von Schwefel liegt in der Luft, als unser kleiner Junge im Pyjama die Treppe herunterkommt. „Was ist denn los, Mama?“, fragt er meine Frau, er hat die Schüsse gehört. Rasch stelle ich mich vor die Toten, dass er soetwas nicht sehen muss. Aber es scheint bereits zu spät zu sein, ich sehe, wie eine Träne sein Gesicht hinabrinnt. Es sind dreckige Zeiten. Das hier ist die Schuld der Alten und des Jungen. Man muss solche Dinge tun, will man seine Familie schützen. Wir sind gastfreundliche, großzügige Menschen, aber man weiß nie, wer als nächstes in der Tür stehen könnte.

Traumtagebuch 19

Übernachtung im Thüringer Wald

Mitten in der Nacht erwache ich. Da steht ein kleines Kind im Eingang der Schutzhütte, in der D. und ich uns zur Ruhe gelegt haben. Als ich ein grimmiges Schnaufen höre, begreife ich: Es ist kein Kind, vielmehr ein wildes Tier, das da auf mich zustürmt.

Vollends zu mir gekommen, sehe ich nur noch den guten Mond, der da still und kalt durch den Eingang scheint. Vom anderen Ende der Hütte ist auch weiterhin D.s grimmig-schnaufendes Schnarchen zu hören.

immer voran

Es regnet, ist düster. Gewitterdüster. Die vor mir liegende Straße ist lang und das Wasser zieht tief in meine Schuhe. Meine schönen, schwarzen Wanderschuhe. Die Sohle taugt wohl nichts mehr. Meine Socken sind feucht und bei jedem Schritt schmatzt es. Pfp, pfäbb, immer durch die Pfützen. Mein Haar hängt klatschnass über die Schultern, mein Verstand, stimuliert vom ewigen gleichgleich des Weges, beginnt kataton zu spintisieren. Pfp, pfäbb, Pfütze, prasseln; Pfp, pfäbb, Pfütze, prasseln. Was wenn das jetzt auf immer so weiter geht, mein Geist sich in dieser Endlosschleife verliert? Wo ist eigentlich Alex geblieben? Es können Minuten, Stunden, Wochen vergangen sein. Vermutlich ist er voraus, vielleicht auch zurückgefallen; dann sehen wir uns nie wieder.
Der Regen wird stärker. Vermutlich hat sich der Joyce in meiner Anoraktasche inzwischen vollständig aufgelöst. Oder aber ist fortgeschwommen, weg, dahin. Ich denke an den Bruder. Und an die Eltern. Die sitzen jetzt irgendwo im Trockenen.

Es geht weiter voran. Die Landstraße hinab. Und irgendwo wird auch wieder die Sonne scheinen.