Traumtagebuch 14

Die Ameisenkönigin transportiere ich in einem großen Eimer Krautsalat und setze sie dann vorsichtig ins Formicarium. Ihre Brut breitet sich unerhört schnell aus. Bald beginnen die Tiere komplexe Strukturen zu errichten, in denen sie ihre Eier herumtragen. Neue Kolonien werden ausgegründet (war das Formicarium etwa undicht?). D. taucht auf und lauscht über ein merkwürdig altertümlich wirkendes Gerät den Lauten der Ameisen, er ist beeindruckt von ihrer Intelligenz. Ich fürchte mittlerweile, dass die Vermieterin mitkriegt, dass ich für diese nicht mehr einhegbare Ameisenplage verantwortlich bin.

Glaube ich wirklich, dass die Invasion noch aufzuhalten ist?

aus der Schlinge

Sie hatten Thiele früh morgens aus Schlaf und Zelle gerissen. Heute sollte er hingerichtet werden. Sie würden ihn auf den Appellhof bringen und von dort in die kleine Todesgasse hinter Vorratsgebäude zwei. Maler stand aufrecht in seiner Zelle und schaute Thiele, als er vorbeigeführt wurde, direkt in die Augen. Mit Respekt und Traurigkeit. Thiele und Maler hatten sich noch nie gesehen, waren aber, wie sie hier die letzten anderhalb Jahre Zelle an Zelle verbracht und langsam dem Wahnsinn anheim gefallen waren, soetwas wie Freunde geworden.
„Na Thiele, Lust auf ne Partie Schach?“, hatte Maler morgens oft, eigentlich immer, gerufen und Thiele hatte dann auf seiner Seite der Wand die verschiedenen Steine, Knöpfe und Stofffetzen, die ihm als Figuren dienten, auf dem mit Filzstift auf den Boden gemalten Raster aufgebaut und gerufen: „Alles klar. Sag ne Zahl an!“
Und dann hatte Maler zurückgerufen: „138“ oder auch „44“ oder „90“ Immer mit diesem gewissen lauernden Ton. Dann war Thiele dran und musste mit der Zahl herausrücken, die er sich im Vorhinein überlegt hatte. War sie größer als Malers, dann fing Thiele das Spiel an, war sie kleiner, durfte Maler weiß spielen. Dann riefen sie sich über viele Stunden die Züge unzähliger Partien zu und verlebten so ihre Zeit im Todestrakt.
„Sag ne Zahl an!“, rief Thiele im vorbeigehen.
„112“
„Ich hatte die 1000. Da muss ich also als erster auf die Gasse.“
„Wir müssen da alle mal hin, Thiele. Ich bin nächste Woche dran.“
„Vielleicht spielen wir danach ja nochmal ne Partie.“
„Ja, bestimmt. Mach’s gut.“
Man musste Thiele lassen, dass er bis zum Schluss den Kopf hochhielt.

Und dann war er aus Trakt 4D verschwunden. Die anderen Häftlinge atmeten von nun an nur noch leise, warteten auf die unvermeidlichen Schüsse. Maler, der große starke Andre Maler, gar mit Tränen in den Augen. Doch die Schüsse erklangen nicht, den Thiele war vorher aufgewacht und so dem schrecklichsten Schicksal entronnen.
‚Was aber‘, dachte er beim Aufstehen, ‚ist mit Maler? Den knallen sie doch nächste Woche ab.‘

Wetterbericht XIII

19. September 2014
Die Orientierung dahin und in den Süden verstolpert. Kein Ziel. Kein Tag. Kein Jahr.

4. November
In einer Bäckerei steht plötzlich ein Mensch ohne Kopf vor mir. Dürre Beine, ein braun-karierter Mantel mit hohem Kragen. Dann nur noch Luft. Erst der Blick von der Seite enthüllt die grausige Wahrheit. Es handelt sich um ein Rollator-Ömchen, dessen Hals und Kopf um 90 Grad verrenkt sind.

5. November
Viele Tränen. Und auch der Wunsch danach. Jedoch: Keine Ohren zu hören, keine Augen zu sehen. Kurz: Niemand der mitfühlt. Ist es dann überhaupt geschehen oder nur Wunsch?

Bürgerlich-Anarchistisches Manifest

Ein Gastkommentar von Peter Punk-Ratz vom anarchistischen Jugendverband der CDU (AJC)

Die Alten hatten wenigstens noch die Grünen und die Atomkraft. Bei den Mittelalten waren zumindest noch die Nachwende-Nazis unterwegs. Und wir? Wir haben die Piraten und diese Möchtegern-Nazis von der AFD.
Wir sind eine Generation ohne Meinung, eine Jugend ohne Bewegung. Wir hocken vor unseren Bildschirmen und gucken mit offenen Mäulern zu, wie Flugzeuge in Häuser donnern, wir schauen uns die Kriege unserer Zeit live an und verfolgen im Online-Ticker nicht nur wie die sixtinische Kapelle in weißem Rauch aufgeht und das britische Königshaus die dritte lebende Erbengeneration ausspeit, sondern auch wie sich Syrien, die Türkei und die Ukraine langsam selbst zerlegen. Dazu gibt’s Chips, Cola und Ballerspiele.
Wir sind die Whys und wissen nicht Wherefore.

Wir wollen das nicht länger, wir wollen das anarchistische Bürgertum, wir wollen den Aufstand der Manager:
für eine bessere Welt.

Wetterbericht XII

14. März
Schatten haben sich über sein Antlitz gelegt, dass er kämpfen muss.
Die Züge kantig, das Kinn mottenzerfressen und leer. Ein Schädel nur noch im Dunkel.

17. März
Wenn ich nur wollen könnte, was ich will, dann könnte ich vielleicht auch, was ich können will.

21. Mai
Wie wenn Mauern um einen herum einstürzen, ganze Gebäude, Türme, Wolkenkratzer. Und man kann nur dasitzen und ist wie schockgefrostet, oder gelähmt oder schlimmer.

20. Juni
Abenteuerlust, schön und gut. Aber eben vermengt mit der Angst vor Fremdem und Neuem. Keine gute Verbindung.

Wir hatten die letzten Monate vor allem mit Schachspielen vertrödelt. Nach dem Morgenappell und den folgenden drei Stunden Feld- und Hausarbeit war es uns freigestellt die Zeit so zu verbringen, wie es uns gefiel. Und da erstens in einem Lagerraum des Gefängnis’ 120 noch verpackte Schachbretter samt Figuren lagerten (man weiß bis heute nicht wehalb), zweitens Jonas ein ambitionierter Schachspieler war und drittens ich selbst auch Interesse an der Materie entwickelt hatte, spielten wir nun Tag für Tag drei bis vier Partien. Es mag absurd klingen, aber diese Monate im Gefängnis gehörten für mich zu den glücklichsten meines bisherigen Lebens.
Das mag natürlich auch mit den blutigen Kriegsjahren zu tun gehabt haben, die wir alle zuvor durchlebt hatten. Jeder auf seine eigene Weise und sicher nicht jeder so hasenfüßisch zurückgezogen wie ich. Dennoch: Die Gefängnismauern, der entönige Alltag, das gab mir, und ich denke auch den anderen, ein Gefühl von Struktur und Sicherheit.
Jonas pflegte die Partien stets mit großer Gewissenhaftigkeit in ein kleines, grünes Notizbuch zu übertragen.
„Das veröffentlichen wir später mal“, sagte er dann immer und wir dachten uns für die einzelnen Spiele interessant klingende Titel aus. „Das Gefangenen-Dilemma“, „Eroberung der Nordwand“, „Unterklaus und Übersee“, „Das Ende des Weströmischen Reiches“. Der Band selbst würde den schlichten Titel „Meisterpartien – Tausendundeine Nacht in Gefangenschaft“ tragen.
Mit der Zeit wurden auch die anderen Gefangenen auf unseren Zeitvertreib aufmerksam.
Innerhalb weniger Wochen brach im Gefängnis
Das große Schachfieber von 2019
aus. Recht schnell breiteten sich zunächst die Grundregeln des Spiels bis in die kognitiv eher unterversorgten Baracken im Süd-Quartier aus. Menschen, denen ich zu meiner Zeit in der Anwaltskanzlei niemals zugetraut hätte auch nur einen Bauern richtig zu ziehen, entwickelten ungeahnten Ehrgeiz im Umgang mit Rössel und Dame. Es wurde rochiert und en passant geschlagen, als wenn es kein Morgen mehr gäbe. Gewagte Eröffnungen und unwahrscheinliche Endspiele wechselten sich ab.

Irgendwann verwettete einer der Karl hieß einen seiner Bauern. Damit ebnete er den Weg für eine bemerkenswerte Entwicklung, denn in seiner nächsten Partie musste er nun mit sieben Bauern antreten, von denen er einen weiteren verlor. Im Laufe des Tages verlor er auf diese Weise vier Bauern, doch dann wendete sich das Blatt. Todesmutig setzte Karl in der folgenden Partie seine Dame als Wetteinsatz. Da er mittlerweile nur noch so wenige Bauern auf dem Feld stehen hatte, dass nicht nur die Rössel frei standen, sondern auch die Läufer von Anfang an beweglich waren, gelang es ihm die Partie zu gewinnen. Karls Gegner fluchte und übergab Karl die Dame. Karl wiederum bot ihm nun an, die Dame gegen seine vier verlorenen Bauern und einen Springer zu tauschen, worauf der andere dankbar einging. Die folgenden Partien gewann Karl nun wieder und zum Schluss hatte er seinem Kontrahenten drei Leichtfiguren und zwei Bauern abgeluchst, die er ihm für etwas Tabak und zwei Seiten aus einem Pornoheftchen zurückverkaufte.
So kam es, dass Schachfiguren im Gefängnis gleichsam zur Währung wurden. Jeder war darauf bedacht zumindest zwei vollständige Sätze, schwarze und weiße Figuren, bereit zu halten, um falls er zum Duell gefordert wurde in voller Stärke antreten zu können. Eine Herausforderung abzulehnen galt als unschicklich.

Wetterbericht XI

21. Mai 2013
Ich hab’s total verkackt. Das Beste ist vorbei und es war scheiße.

24. Mai 2013
Struktur.
Diskrete Mathematik. Keine Ahnung was das eigentlich genau ist, bilde mir aber ein, gut darin zu sein. Zum Beispiel kann ich oft aus begrenzten Informationen ein recht genaues Bild über die Menschen in meiner Umgebung zusammensetzen. Sehr kontrolliert, unemotional. – Kompliziert wird es immer dann, wenn Emotionen dazwischen funken. Dann entstehen Vorurteile, Fehlschlüsse und so fort. Das stimmt auch leicht depressiv. Emotionen sind immer auch Abbild der Traurigkeit. Wieviel einfacher ist es da als diskretes Objekt im stillen Kämmerlein zu sitzen und einigermaßen vorhersagbar vor sich hin zu vegetieren. Soviel zur diskreten Mathematik.

27. August 2013
Nie sind meine Selbstzweifel größer, als wenn ich andere verletze.

10. März 2014
Und ich stelle mich vor und sage: Das kann ich nicht und dieses, und ich bin auch sonst kein guter Mensch. Gesicht an die Wand und weinen.

wie

wie wir diese verdammte Mauer bauen, und den Wurmquell suchen, und Siedler von Catan und Risiko spielen, und du nicht glaubst, dass es die vereinigten Dienstleister gibt, und wie wir Regale kaufen, und eine Matratze, und wie deine blaue Lieblingstasse zerspringt, und wie ich 13 bin, und wie du streitest, und der vg, und dieser Pizzaladen, und Manolis, und wie ich in den Kaktus trete, und Dänemark, und Frankreich, und H3458, und Kling-Klang, und der Geruch nach Getreide, und immer diese Scheiß-Zigaretten, und wie genau das eine Motiv verschwindet, und wie ich seit Jahren das Booklet des weißen Albums bunkere, und wie ich dich anlüge, und wie du kein Geld hast, und wie du am 12. noch weiter wegziehst, und wie die Zeit umgestellt wird, und wie der Drache hereinkommt, und wie du krank wirst, und wie dein Knie schmerzt, und wie wir laufen und du eine richtige, mechanische Stoppuhr und rote Schuhe hast, und wie wir in Belgien sind, und wie wir uns streiten, und wie wir bei diesem Griechen sitzen, und wie du und alle immer duzen, und wie dieser Pöller umfällt, und wie du diese kleine Glaskugel mitbringst, und wie ich das alles nicht verstehe, und wie wir alle hinten im Wagen sitzen und Bücher werfen, und wie ihre Eltern da sind, und wie wir das Auto über die Baustelle schieben müssen, und wie Hayden nicht aufzufinden ist, und wie wir Chack suchen, und wie du Gitarre spielst, und wie du verdammt nochmal immer noch rauchst, und wie es immer Bücher sind, und wie du verschwindest und ich versage, und wie ich auf dem Dach gewesen sein muss, und wie es kein zu Hause mehr gibt, und wie ich das ein ums andere mal doch noch träume, und wie sie leidet, und wie dazwischen noch immer mehr ist.