im Winter

Die Tage werden jetzt wieder länger, denke ich unvermittelt und ohne guten Grund, während ich auf dem Rad durch Dunkelheit und schlammige Pfützen pflüge. Es ist zwei Uhr morgens und richtig kalt. Der Reißverschluss meiner Jacke ist irgendwann im Herbst kaputt gegangen und entsprechend sind Hals, Brust, Nieren ungeschützt der eisigen Nachtluft ausgesetzt. Keinen Schal, keine Mütze. Zumindest zwei dünne Handschuhe habe ich. Trotzdem räudig. Noch fünf Kilometer hinab ins Tal.

Dort liegt sie unter ihrer alten Pferdedecke und stirbt. Der Sterbebegleiter hat mich angerufen und gesagt, dass es jetzt an der Zeit ist Abschied zu nehmen. Das hat er so gesagt. Als ginge man auf den Bahnsteig, sagte: „Bis bald, Mama“, und lüftete dann, ein kleines Tränchen verdrückend, ein weißes Taschentuch mit Monogramm, da der Zug sich allmählich in Bewegung setzt. Nicht als läge sie da unter ihrer Pferdedecke im Kalten. Ich seh‘ es vor mir, wie ihr Atem sich in der kalten Luft bricht. Darum bin ich aufs Rad gestiegen, hab mich auf den Weg gemacht, die 60 Kilometer bis E. zu fahren und jetzt sind es nur noch drei Kilometer hinab ins Tal.

Der Mond steht voll am Himmel, am Straßenrand schimmern matschige Schneereste. Es geht jetzt die Serpentinen hinab, vorbei am freistehenden Haus der Bergers, dem ersten kleinen Vorposten unseres Dorfs. Es ist weihnachtlich geschmückt. Hübsch, denke ich und vergesse für einen kurzen Augenblick meine Mama unter der Pferdedecke. Ich weiß gar nicht, ob die Bergers hier noch leben. Zwei Kilometer noch hinab ins Tal.

Hier im Dorf sind alle Häuser geschmückt und auf dem Anger steht ein großer Weihnachtsbaum, bunt behangen wie jedes Jahr. Als ich klein war, haben beim Schmücken immer alle mitgemacht, das ganze Dorf. Heute, hat Mama mir einmal erzählt, machen nur noch wenige dabei mit. Die Leute haben keine Zeit mehr. Aber wenn ich mal Kinder hätte, hat Mama sich dann vorgestellt, dann könnte sie immer mit denen da hin. – Pustekuchen.

Das Rad lehne ich an die Hauswand, hole meinen Haustürschlüssel (ich habe ihn seit ich sechs bin und ihn an einem Stoffband um den Hals hängen hatte) aus der Tasche hervor. Leise schließe ich auf. Es ist dunkel und die Küche, die man hier gleich durch die Haustür betritt, liegt kalt und feindlich vor mir. Die Schuhe zieh ich aus, suche den Schalter und mache das Licht an. Ich habe Angst, sie aufzuwecken, bin so leise wie es nur geht.

Es ist einen Monat her, dass ich mich her getraut habe und jetzt wo ich hier stehe, in der Nacht auf den 24. Dezember, da fühle ich mich wie ein Einbrecher. Ich schleiche auf leisen Sohlen zum Wohnzimmer, wo das große Krankenbett steht. Leise drücke ich die Klinke hinunter, lausche durch den dünnen Schlitz hinein, höre ihren schwachen Atem. Ich schließe die Tür wieder, es ist jetzt drei Uhr morgens und ich will sie nicht wecken, wie sie da unter ihrer Pferdedecke liegt.

Zurück in der Küche schaue ich, viel zu aufgeregt, mich schlafen zu legen, in die Schränke, hole eine uralte Packung gemahlene Mandeln heraus, Eier aus dem Kühlschrank, Zucker, Zimt. Das braucht man doch so ungefähr für Zimtsterne, oder? Ich stelle mir vor, wie die Sonne aufgeht und ich mit dem Teller mit frischen Zimtsternen dastehe und frohe Weihnachten wünsche und wie wir dann über alles sprechen, was vielleicht noch zu besprechen ist.

Natürlich misslingen die Zimtsterne, werden zumindest keine Sterne, sondern eigentümlich unförmige Klumpen. Aber was macht das schon, solange sie schmecken. Während die Zimtklumpen im Ofen backen, spüle ich ab und denke jedes mal, wenn ich das Wasser durch die alten Leitungen laufen lasse kurz, dass Mama aufwachen könnte. Ich spüle und weine dabei vor Angst. Schließlich hole ich die Klümpchen aus dem Ofen, stelle das Blech über dem Spülbecken ab. Sie riechen gut, wie richtige Zimtsterne, nur eben in kümmerlich.

Draußen blaut es schon ein bisschen, bilde ich mir ein. Aber vermutlich ist das Quatsch, denn es ist gerade mal halb fünf und der Mond steht noch in voller Größe am Himmel. Am Küchentisch übermannt mich immer wieder der Schlaf und ich träume ganz leise von früher und im Traumecho ist alles noch gut.

Gegen acht (und jetzt dämmert es wirklich) lege ich die Plätzchen auf einen Teller und den Teller auf das alte Holztablett, das wir hier schon vor 20 Jahren hatten. Von draußen hole ich einen kleinen Tannenzweig, den lege ich mit auf das Tablett und eine Tasse schwarzen Tee mache ich, den mag sie am liebsten. Eine winzige Bienenwachs-Kerze finde ich auch noch und stelle sie dazu, dass es schön aussieht.

Damit gehe ich also zur Wohnzimmertür, die ich wieder ganz leise öffne, um erst mal vorsichtig zu lauschen, ob ich ihren Atem noch hör‘.

Dieser Text ist Teil von Projekt *.txt . Er ist eine Einreichung zum Wort Weihnachten.

Totes Leben

Den gelben Brief vom Gericht, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass die Firma „Happy Collect“ einen Titel über die ausstehende Forderung von 672,28 Euro beantragt und sie nun zwei Wochen Zeit hatte, dieser Beantragung zu widersprechen, legte Leonie fein säuberlich in die unterste Schreibtischschublade.

Dort stapelten sich bereits weitere Briefe wenig erquicklichen Charakters und harrten ihrer Verjährung. Leonie erinnerte sich gut an den Besuch der Mitarbeiterin von „Happy Collect“. „Happy Collect“, hatte ihr die Dame damals mit perfid-strahlendem Lächeln erklärt, sei bekanntlich „das freundliche Inkassounternehmen“. Freundlich deshalb, weil „Happy Collect“ immer auch einen „anderen“ Weg finde, die Forderungen der Klientinnen und Klienten zu realisieren.

In diesem Fall war „Happy Collect“ von „MediServ“ beauftragt worden, einem, wie Leonie fand, verbrecherischen Unternehmen, das für einen Psychologen, den sie vor einigen Jahren besucht hatte, das Geld eintrieb. Dem Psychologen schuldete sie wiederum nur deshalb die Gebühren für zwei Sitzungen, weil sie damals von der privaten Krankenversicherung „Discordia“ „gesamtbetriebswirtschaftlich terminiert“ worden war, nachdem sie für einige Monate nicht in der Lage gewesen war, ihre Beiträge zu zahlen. Und „Discordia“-Mitglied war sie eigentlich nur gewesen, weil sie während ihres Studiums über ihre Mutter krankenversichert gewesen war, die als Beamtin keiner gesetzlichen Krankenversicherung sondern eben der „Discordia“ angehört hatte.
Zusammengefasst: Der nun in der Schublade liegende Brief war wieder einmal das traurige Endresultat einer unschönen, bis weit in die Vergangenheit reichenden Verkettung von Begebenheiten, auf die Leonie zwar irgendwie hätte Einfluss nehmen können, es dann aber aus Bequemlichkeit versäumt hatte. In nervöse und mithin unkonzentrierte Nachdenklichkeit versunken, versuchte Leonie, ihre über den jüngsten Schrieb hinausgehenden Schulden zu überschlagen. Bei 10.000 Euro gab sie die dann doch recht deprimierenden Überlegungen aber auf und starrte stattdessen eine Weile zum Fenster hinaus in die Dunkelheit, ehe sie sich ihrer Abendlektüre zuwandte.

Am folgenden Tag hörte sie in der Mittagspause teilnahmslos den Gesprächen ihrer Kolleginnen und Kollegen zu, die mit ihr zusammen in der Abteilung „Datenerfassung Brief“ der „Deutschen Post AG“ arbeiteten. Bei der „Datenerfassung Brief“ ging es darum, diejenigen Anschriften auf Briefen zu entziffern, die der Computer eigenständig nicht oder zumindest nicht mit hinreichender Sicherheit auslesen konnte. Es war wie Captchas zu lösen. Vier Stunden am Tag, ad nauseam. Leonie hatte den Halbtagsjob angenommen, weil sie mit ihrem einfachen 1,3er-Diplom in Biologie weder eine Promotionsstelle noch Arbeit in der Wissenschaft aufgetan hatte und sie, um nach dem „Discordia“-Debakel wieder krankenversichert zu werden, dringend irgendeine sozialversicherungspflichtige Stelle benötigt hatte. Das Gespräch am Tisch beschäftigte sich heute, wie an den meisten Tagen, mit dem Fernsehprogramm. Leonie, die so gut wie nie fernsah, hatte zu den Eskapaden, die sich bei Casting- und anderen Showformaten zutrugen, nicht viel beizutragen. Ein Stück überbackene Kartoffel auf dem Teller hin und her schiebend überlegte sie, was in ihrem Leben schiefgelaufen war, dass sie jetzt hier mit diesen Leuten saß? Seit zwei Jahren, Tag für Tag. Irgendwann würden die Computerprogramme so gut werden, dass die „Datenerfassung Brief“ wegrationalisiert werden würde. Dass dieser Zeitpunkt eher früher als später eintreten würde, war, was ihren Job betraf, Leonies größte Hoffnung.

Kurzum: Genau wie ihre unglückselige Geschäftsbeziehung zu „Happy Collect“, dem freundlichen Inkassounternehmen, war auch Leonies berufliches Dasein einer der vorläufigen End- und Tiefpunkt ihrer nicht eigentlich tragischen und eben in ihrer Alltäglichkeit dennoch unglücklichen Lebensgeschichte.

Erzählerisch nützt es uns an dieser Stelle auch nicht viel, die arme Leonie noch weiter ins Unglück zu prügeln. Natürlich erfüllt es einen kleinen, unanständigen Teil in uns mit schadenfreudigem Frohlocken, hier einer Gescheiterten zuzuschauen, die keinerlei Anstalten macht, ihre Lage zu verbessern. Insofern wäre es sicher nett, hier noch Leonies tristes Liebesleben oder den Tod einer nahen Verwandten voll Genuss zu sezieren. Doch wozu? Wir wissen ja jetzt, wie es um die Gute steht. Bleibt die Frage, wie es mit ihr weitergeht.

Am darauffolgenden Samstag fand Leonie das Kündigungsschreiben ihrer Vermieter im Briefkasten. Aufgrund ihrer immer wieder unpünktlichen Mietzahlungen sei das Vertrauensverhältnis nachhaltig zerrüttet. Herr und Frau Wilhelm setzten ihr daher vertragsgemäß eine Frist von drei Monaten und bäten sie, sich in dieser Zeit, um eine neue Wohnung zu bemühen.

Das langweilige Ende:
Manchmal braucht es einfach einen Schock, um jemanden aus der Lethargie zu reißen. Leonie stand mit dem Brief der Vermieter im Hausflur. Für einen kurzen Augenblick hatte sie mit den Tränen zu kämpfen, doch dann biss sie die Zähne zusammen. Zunächst am Telefon, später bei ihnen zu Hause, schilderte sie den Wilhelms ihre Lage. So konnte sie sie nicht nur davon überzeugen, dass ihre verspäteten Mietzahlungen nicht in böser Absicht geschahen, sondern Herr Wilhelm, der seit vielen Jahren ehrenamtlich beim Naturschutzverband tätig war, empfahl ihr auch, sich dort auf eine gerade freie Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin zu bewerben und versprach ihr, den zuständigen Leuten eine klare Empfehlung für sie auszusprechen. Und so wurde, ach wie ist das doch schön!, aus einem End- ein Wendepunkt in Leonies bis dahin so totem Leben.

Das schlimme Ende:
Leonie nahm den Brief und legte ihn zu den anderen in die Schreibtischschublade. Natürlich lag ihr die Mitteilung schwer im Magen und gleich am Montag würde sie der Kündigung widersprechen. Juristisch belastbar schien ihr die Begründung nämlich nur sehr bedingt. Aber ach, wie das nun einmal mit unangenehmen Aufgaben ist: Man schiebt sie auf. Leonie, das dürfte mittlerweile wohl niemanden mehr überraschen, war was das anging wahrlich keine Ausnahme. So verstrich der Montag, so verstrich die Woche und so verstrichen die ganzen drei Monate. Es folgte, wie man das aus geordneten bürokratischen Verhältnissen kennt, die Räumungsklage. Während dieser Phase wurde es Leonie langsam gewahr, dass die Wohnungssuche mit negativen Schufa-Einträgen kein so einfaches Unterfangen war. Und so kam es, dass sie an jenem schönen Augustmorgen, als der Gerichtsvollzieher ihr erklärte, dass sie bis in spätestens drei Tagen die Wohnung geräumt haben musste über noch keine neue Bleibe verfügte.

Es folgte der weitere Abstieg und gerade mal dreieinhalb Jahre später ihr trauriger Tod durch Erfrierung.

Das offene Ende:
Leonie betrachtete den Brief mit einem merkwürdig gemischten Gefühl aus beklemmender Angst und befreiter Lebensfreude.
Mit einem mal wusste sie, was sie zu tun hatte, um aus dem verflixten Teufelskreis auszubrechen, in dem sie jetzt seit ein paar Jahren feststeckte: Kontraintuitives Handeln! Mit Vernunft war sie im Leben nicht weit gekommen, warum also nicht einfach mal unvernünftig sein? Etwas besseres als dieses tote Leben, überlegte sie sich, das fand man doch überall.
Sie holte ihren großen Trekkingrucksack aus dem Schrank, packte zusammen, was ihr sinnvoll erschien und steckte den Wohnungsschlüssel in einen an ihre Vermieter adressierten Umschlag und machte sich auf den Weg.
Wir verlieren die gute Leonie hier allmählich aus dem Blick. Ab und an sehen wir noch einen Brief für sie eingehen, doch schon bald geben die Inkassodienste und Gerichte auf, denn Leonie ist längst über alle Berge.

Lesestunde

Der Himmel hatte die Farbe von kaltem Haferbrei.

Ronco – Der Geächtete, Heft 86, Dezember 1973

Der Abend war gesellig, das Publikum in einen zufriedenen Zustand kognitiven Stand-Bys verfallen. Die Stimmen der Lesenden drangen nur noch dumpf, wie durch schwarze Watte zu ihnen vor. Kurzum: Es war wie eine sechste Stunde Latein.

Die schwermütige Dichterin aus dem Vorort hatte bereits ihre hyperkatalektischen Hexameter voller Tod und Verderben über die Lauschenden gebracht, der nervöse, ephebische Tagebuchschreiber seine Erlebnisse und politischen Ansichten der letzten Wochen vorgetragen.

Und nun war der Typ mit dem unordentlichen Haar und der löchrigen Hose vorgetreten und begann einen unverständlichen Meta-Text über das Wesen solcher und ähnlicher Veranstaltungen vorzulesen. Zu lange, verschachtelte Sätze, unverständliche Xenismen (also Fremdwörter). Das Wort hyperkatalektisch hallte in den müden Hirnwindungen der Zuhörenden nach. Kein Mensch verstand, was dieser Cretin ihnen da zumutete. In den vorderen Reihen, wo man mit dem abstoßenden Äußeren des widerwärtigen Schreiberlings besonders direkt konfrontiert war, entwickelten sich rasch erste Anzeichen von Verachtung. Aus zivilisatorisch-gesellschaftlichen Gründen manifestierten die sie sich zunächst bloß in ungeduldigem Füßescharren. Der Lesende sah von seinem Blatt, an dem er sich bislang nervös festgehalten hatte, auf und blickte in Richtung des Scharrenden.

Missbilligend rümpfte er die Nase und versuchte dann sich wieder im Text

zurechtzufinden. Eine unnötige, die allgemeine Stimmung weiter vergiftende Pause entstand.

„Wie lang das wohl noch geht?“, murmelte in einer der hinteren Reihen eine junge Frau ihrer Begleiterin zu.
„Er scheint noch ein paar Seiten zu haben.“
„Bäh. Hoffentlich hat er viele kurze Dialogzeilen drin.“
„Ja, dann ist es weniger lang.“
„Und was soll eigentlich ephebisch heißen?“

Die beiden waren eigentlich nur hier, um die hyperkatalektischen Gedichte ihrer Freundin Marion, der schwermütigen Dichterin wohlfeiler Reime wie Tod auf Brot, Fest auf Pest oder Schandtat auf Pfandautomat, anzuhören.

Eigentlich konnten die beiden Marion auch nicht besonders leiden und verachteten auch ihre Schreibkunst aus tiefstem Herzen. Doch sie gehörten nun einmal einem gemeinsamen sozialen Zirkel an und waren zu einem unglückseligen Zeitpunkt in der Vergangenheit einmal Marions Einladung zu einem „Dichterinnen-Abend“ gefolgt. Und nun brachte keine von ihnen es über sich, ihr einmal deutlich zu sagen, was sie von ihren ungelenken Hexametern hielten, weshalb Marion sie nun bei jeder sich bietenden Lesegelegenheit ins Publikum zwangsrekrutierte.

Die Ablehnung von Text und Autor in den vorderen Reihen war inzwischen deutlich spürbar. Ein dem Schreiberling zumindest flüchtig bekanntes Pärchen in der dritten Reihe stand auf und steuerte die Theke im hinteren Bereich des Raumes an. Es war klar, dass sie nach einer Möglichkeit suchten, sich ungestört zu unterhalten und dem Ort des Geschehens rechtzeitig zu entfliehen, um nach der Lesung möglichem Smalltalk mit dem Vortragenden auszuweichen.

Der wiederum beschäftigte sich in seinem kruden Metatext indes mit der Publikumsbeledigung, einer Kunst, die er offenkundig nicht beherrschte. Von der Metaphorik des Textes angestachelt, breiteten sich Verachtung und Hass metastasenartig, gleich einem Wurzelwerk oder Rhizom aus. Der Scharrende aus der ersten Reihe war der erste, der sich lautstark Luft machte: „Nun gib endlich Ruhe, du Penner!“

Eine grauhaarige Frau im hinteren Teil des Raums warf eine Bierflasche in Richtung des Vorlesenden. Sie schlug auf dem Boden auf, Scherben und ein schaler Schoppen Maurerbrause verteilten sich. Ein voluminöser Herr von diesem buchstäblichen Bruch gesellschaftlicher Norm angestachelt, stand auf und schlug dem Lesenden ins Gesicht, sodass dieser zu Boden ging. Eine weitere Bierflasche, irgendwo aus der Tiefe des Raums geworfen, traf den Voluminösen am Hinterkopf. Der Mann drehte sich um und warf wiederum seine eigene Flasche in Richtung desjenigen Mannes, den er für die Ursache des vorangegangenen Wurfes hielt. Er traf eine kleine Frau mit apoplektisch asymmetrischen Gesichtszügen an der Schläfe.

Hass und Wut gerieten zusehends außer Kontrolle. Der eben noch so gleichgültig-gemütliche Leseabend glich immer mehr einem AfD-Parteitag.

Der Autor hatte sich indes wieder auf die Beine gekämpft. Tapfer setzte er an, seinen Text weiter vorzutragen. In einer den Tod seines Meta-Autors antizipierenden Prolepse verwendete er den Begriff „kranial“, was empörte Buhrufe aus dem Publikum evozierte.

„Kranial? Prolepse? Evozieren? Antizipieren? Red mal normal!“, schrie, von der allgemeinen Eskalation aufgestachelt, eine der Freundinnen der schwermütigen Dichterin. Zustimmungsrufe aus verschiedenen Ecken hallten durch den Raum.

„Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe!“, rezitierte mit dramatischer Stimme die Hyperkatalektikerin.

Der Begleiter der kleinen Apoplektikerin, ein dürrer Herr mit Glatze und kleinkariertem Hemd, kämpfte sich nach vorne, um vom Voluminösen Genugtuung, für das seiner Begleitung zugefügte Leid, zu fordern. Dabei trat er einem Schäferhund, der neben dem Stuhl seiner Besitzerin lag, auf den Schwanz. Das Tier biss dem Begleiter der Apoplektikerin ins Bein. Seine Besitzerin versuchte ihn festzuhalten, doch der Hund riss sich los und stürmte aufgeregt durch den Raum.

Mittlerweile drängte, in der Hoffnung die Situation durch große, dramatisch vorgetragene Lyrik begleiten zu können, auch die hyperkatalektische Dichterin wieder nach vorne und setzte zum halbimprovisierten Vortrag an. Der ephebische Tagebuchschreiber, nervös-bebend in einem kleinen Sessel am Rande des Raums sitzend, hatte sein Notizbüchlein gezückt und schrieb auf, soviel er erfassen konnte. Der Autor mit der löchrigen Hose stieß die Dichterin in Richtung des Schäferhundes. Der wich ihr aus und stürzte auf den abstoßenden Schreiberling zu. Jener riss erschrocken die Arme in die Höhe, konnte das auf ihn zueilende canine Ungetüm aber nicht abwehren. Mit einer kranialen Bewegung in Richtung Maul, versuchte er sich vergeblich in den Hals des Tiers zu krallen.

Nun war das Monstrum über ihm und riss sein schreckliches Maul auf. Lohfarbener Faulodem, falbe Lefzen, blutdurstig, fleischhungrig. Es biss zu, wieder und wieder.

Der Autor mit dem unordentlichen Haar war tot. Die Hyperkatalektikerin schleppte sich einmal noch nach vorn, apathisch-elegisch legte sie alle verbleibende Kraft in ihre Stimme und sprach: „Tot! Tot wie Brot!“

Der Epehebe bebte. Der Hass verhallte.

Und noch immer hatte der Himmel die Farbe von kaltem Haferbrei.

Kroko

Früher, ehe alle Uhren hatten und per Funkverbindung mit der Außenwelt in stetem Kontakt standen, früher also, da hat man die Leute auf offener Straße um die Zeit angebettelt. Mir war das nie angenehm, wenn da wieder so ein Zerlumpter ankam und schnarrend schnorrte: „Haste mal die Zeit?“

Nur widerwillig hob ich dann den Arm und ließ den Uhrzeitlosen das Ziffernblatt meines blitzenden Chronometers ablesen, um ihn dann rasch wieder unter den Ärmeln von Wams und Jäcklein verschwinden zu lassen. Zugegeben: Die Uhrzeit war und ist eine flüchtige Information und ich halte es für unwahrscheinlich, dass irgendeiner der Schnorrer von damals durch Weitergabe und Kopie der erbettelten Uhrzeiten nennenswerte Gewinne gemacht hat. Dennoch: In früheren Zeiten war es durchaus üblich, die genaue Uhrzeit zu verkaufen. Kleine hutzlige Weiblein, die die exakte Zeit am Observatorium eingeholt hatten, zogen von Haus zu Haus und boten die Uhrzeit feil. Ich wette, damals wäre niemand auf die Idee gekommen, die teuer erstandene Uhrzeit einfach so anderen mitzuteilen. Nicht nur wusste man damals den Wert des erworbenen Informationsvorsprungs noch zu schätzen, nein man hatte auch ein Gefühl dafür, dass man den alten Zeit-Hausiererinnen durch illegitime Weitergabe und insofern Raubkopie der Uhrzeit das Geschäft verdorben hätte.

Noch heute ist es unter guten Freunden oder Familienmitgliedern üblich, nach Uhrzeit oder sogar Wochentag und Datum zu fragen. Ich habe nichts dagegen, solche Informationen im engen Kreise zu teilen. Ohne Weiteres kann soetwas zur Vertrauensbildung beitragen, alle Beteiligten wissen, dass man es hier mit einem reziproken Tauschwert zu tun hat. Ähnlich, wie wir Freunden nur deshalb beim Umzug helfen, weil wir wissen, dass sie uns früher oder später auch werden helfen müssen, teilen wir Zeitsignale auch nur deshalb, weil wir mit entsprechenden Gegenleistungen rechnen.

Einmal, Ende der 90er-Jahre, war ich mit meinem alten Kumpel Kroko unterwegs. Es war früher Nachmittag im Herbst, als ein offensichtlich zeitinsolventes Individuum auf uns zukam und allen Ernstes fragte: „Welches Jahr haben wir?“ Eine Ungeheuerlichkeit und wohl in etwa das Äquivalent zur Frage: „Hammse mal nen Hunderter?“ – Soetwas fragte und fragt man nach wie vor nicht und ich kann bis heute nicht glauben, dass Kroko dem Mann tatsächlich das Jahr ansagte. Ich finde soetwas obszön und abstoßend, habe Kroko aber nie gesagt, wie ich das empfand und nun ist er tot und ich bin immer öfter allein.

So allein, dass ich manches mal in der Nacht für 20 Cent die Zeitansage anrufe und mir von sanfter Stimme die auf zehn Sekunden genaue Uhrzeit zusäuseln lasse: „Beim nächsten Ton ist es 22 Uhr 21 Minuten und 20 Sekunden“ – piep – „Beim nächsten Ton ist es 22 Uhr 21 Minuten und 30 Sekunden“ – piep.

Ich fühle mich schlecht dabei, diesen kostenpflichtigen Dienst zu nutzen, wie so ein Telefonsex-Kunde. Aber was soll ich sagen: Es ist dann doch stärker als ich und ich rufe die Automatenzeit an. Anständiger, als irgendwelche Leute auf der Straße anzuquatschen ist es auf jeden Fall, denke ich mir und lausche auf den nächsten Ton.

Der Schupp

waschbär, der schupp,
procyon lotor
der seine nahrung erst
ins wasser taucht
und sie rei-
bend zwischen den
vorderpfoten wäscht

der nordamerikanische waschbär
der südamerikanische waschbär,
ursus cancrivorus

im bilde: der künstler
von profession,
der enthusiast …,
der spezifisch kritische waschbär,
der über jedes bild
das etwas trübe
gewässer seiner beschreibung
aus dem bärenzwinger sei-
ner studierstube gieszt

kennst du das land?

dazu: waschbärfell, n.

Quelle: Grimmsches Wörterbuch

Zur weiteren Vertiefung sei das Studium von Brehms Tierleben auf kuriosetierwelt.de empfohlen, wo vom Waschbären ein recht heiteres Bild gezeichnet wird.

Traumtagebuch 22

Es findet ein großes Rennen statt. Die Teilnehmer fahren Motorräder, Renn- und Geländewagen. Ich nehme als einziger mit dem Fahrrad teil.

Die Strecke führt einen sandigen Weg entlang, der sich durch ein Getreidefeld schlängelt. Überraschender Weise liege ich noch nicht zurück. Plötzlich geraten erste Fahrzeuge von der Strecke ab, die Autos und Motorräder pflügen durch das Getreide. Auf der anderen Seite des Feldes stürzen sie in einen Abgrund.

Vor lauter Schreck setze ich mich an den Straßenrand und mache erstmal ein Nickerchen. Es wird dunkel und dicke, fette Kanalratten kommen heran. Sie kriechen mir in die Hose und den Pullover. Ich wälze mich nach links und rechts, um die schrecklichen Wesen zu zerquetschen, ich packe und würge eines, doch da ist es bloß die Wärmflasche.