Wundersamer Strom des Lebens

Ich ist Vergangenheit und das ist gut. Ich ist eins, ist zwei oder auch drei und das ist egal. Morgen ist er ein Wanderer und dann auch wieder vergänglich oder gar die Vergänglichkeit selbst. (M. Lockerbey)

Einer hatte das Fenster geöffnet und einen hinausgestoßen. Vor Gericht hatte man befunden, dass er des Wahnsinns und nicht schuldfähig gewesen war. Deshalb lag er nun in einer Einrichtung, die die meisten Irrenanstalt, Klapsmühle oder auch den Affenstall nannten. Man hatte ihn mit gürtelartigen, flachen Bändern an ein Krankenhausbett gebunden, was ihm reichlich Zeit gab über seine Sünden nachzudenken. Die meiste Zeit aber war ihm bloß unglaublich langweilig zumute. Wie in einem Käfig für Hamster, Meerschweinchen, Ratten, Marder usw. gab es zu seiner rechten ein Wasserbehältnis mit einem Metallröhrchen, an dem er bei Bedarf saugen konnte. Zu seiner linken befand sich ein kleiner Schalter, den er mit der Nase erreichen konnte, um ein Radio anzumachen, das, wenn eingeschaltet, zu den meisten Tages- und Nachtzeiten Popularmusik spielte. Er konnte Popularmusik nicht ausstehen. Vor ihm an der Wand befand sich eine große Uhr mit Sekundenzeiger. Jeden Morgen und Abend, jeweils um sieben Uhr, kam ein Zivildienstleistender und fütterte ihn mit Brei. Er verabscheute Brei.

So zogen die drögen Sekunden ins Land und unser Held wurde älter und weiser. Alle paar Wochen tauchte ein Arzt bei ihm auf und erzählte von der Welt, wie sie draußen ihren Lauf nahm. »Martin«, sagte der Arzt dann zum Abschluss meist, »wenn Sie nicht langsam zu reden beginnen, kommen Sie hier nie wieder heraus.« Martin betrachtete dann die Uhr, den langen dünnen Sekundenzeiger und biss die Zähne zusammen. Dieser da sollte ihm sein Geheimnis nicht entlocken. Dieser nicht.
Im Dunkeln murmelte Martin dann meist Unzusammenhängendes, manchmal lauschten die Pfleger und Schwestern dann an der Tür und machten Notizen: »Ich ist Vergangenheit«, schrieben sie dann mit, »und das ist gut. Ich ist eins, ist zwei oder auch drei und das ist egal. Morgen ist er ein Wanderer und dann auch wieder vergänglich oder die Vergänglichkeit selbst.«
Es wurden Promotionsschriften über ihn verfasst, er war Studienobjekt geworden und schaute selbst nur nach den verstreichenden Sekunden.

Eines Tages kam der Arzt zu ihm und sagte: »Wir haben kein Geld mehr in diesem Land. Die Zivildienstleistenden, Pfleger, Schwestern, Ärzte und Medizinstudenten können sich nicht länger um Sie kümmern. Ich mache Sie jetzt los, dann sind Sie frei und können gehen.«

Die Straßen waren öd und leer, Martin hatte die Uhr mit dem stetig rotierenden Sekundenzeiger unter dem Arm und beschloss nach dem Meer zu gehen, wo er seinem Leben in einsamer Trunkenheit ein Ende setzen wollte. Die Schuldgefühle lasteten zentnerschwer auf seinen Schultern, dass es eine Tragik war ihm zuzuschauen, wie er da die Straße entlang trottete.
An einer Tankstelle tauschte er die Uhr gegen eine Flasche unprätentiösen Branntwein. Damit zog er weiter, bis er sich irgendwo an der französischen Nordküste in einer Höhle niederließ. Bei gutem Wetter konnte er von hier bis nach England blicken. Ein gutes Gefühl. »Martin«, sagte sich der unschuldige Attentäter da, »drüben in England, da kannst Du ein neues Leben beginnen.«
Mit diesen Worten entkorkte er die Buddel und soff sie in nur drei Zügen leer. Dann warf er sich in die Fluten und teilte mit gewaltigen Armen den Ärmelkanal.

Da sein Gott erbarmen mit ihm hatte, gewann er nach stundenlangem Kampf das rettende Ufer und eilte fort.

Martin Lockerbey, wie er sich jetzt nannte, begann ein neues Leben, heiratete eine Britin aus der Unterschicht und lebte glücklich bis an sein Lebensende.

Traumtagebuch (8)

Eine Asiatin und ich laufen hintereinander durch ein technisches Labyrinth. Viele Röhren, Treppen, metallische Apparaturen. Eine blonde Frau läuft in einigem Abstand hinterher. Wir sind Freunde. Es gilt ein bestimmtes Ziel zu erreichen, ehe eine nicht näher beschriebene, finstere Macht es tut. Wir werden immer schneller, begreifen, dass wir uns der Lichtgeschwindigkeit annähern. Die Welt um uns scheint sich zu verlangsamen.
Die Asiatin schert nach links aus, ruft: “Ich will jetzt hier raus!”
Eine ruhige, freundliche Erzählerstimme: “Und sie überwand die Zeit, ehe die Ambrosius-Funktion sie in einer Explosion verschlang.”
Ich folge ihr, durchbreche eine Art Lichtmauer, einen dicken, blauen Film in der Wirklichkeit. – Da zerspringt auch die Welt um mich herum in Scherben. So viele. Menschen sind darauf zu sehen, beim kochen im Wald oder am Schreibtisch sitzend. So große Schönheit, denke ich.

Jeder von uns dreien, setzt der Erzähler wieder an, lebt in seiner Zeit und Gegenwart ewig. Die blonde Frau erzählt er noch, wird nun auf ewig von ihrer Familie getrennt sein.

Aufwachen. Wie aus dem Tod.

Der Gestank bunter Gedanken

Prämisse 1: Beim aufwachen strömen unzusammenhängende Laute, Worte, Sätze durch meinen Schädel. Das ist schon seit ein paar Wochen so. Mal denke ich dann: »Blau sind alle Hörner des Teufels.« oder »Vergessenheit schielt nach den fauligen Phalloi aller alten Staatsmänner, da sie auf dem Friedhof verrotten.«
Es gibt (wenigstens scheint es so) kein Schema, keinen Traum dem die Gedankensätze, diese Wortgefetze folgen.

Prämisse 2: Auf der Straße sieht man dann uniforme Frauen in den immer gleichen farbenfrohen Gewändern, die betonen sollen: Ich bin einzigartig. Lässig über die Schulter geworfen eine spießige Ledertasche, die – vermute ich – noch immer Messenger-Bag genannt wird, eigentlich aber zu einem strengkatholisch-denkenden Deutschlehrer gehört. Anmut und Schönheit, wollen diese Frauen ausstrahlen und gleichzeitig, leicht-ironisierend mit dem Lehrer-Mief von 1988 kokettieren.

Konklusion: Meine Gedanken, die (das muss zu meiner Verteidigung gesagt sein) ganz von alleine kommen und fließen, sind ähnlich altbacken-kokett wie die Taschen der Buntmädchen. Sie miefen von Kitsch und blümerant-braun-farberhaltender Waschkraft. Sie sind betont jugendlich (manchmal auch nicht-jugendfrei und damit jugendlicher als alles andere) und unsinnig.

Traumklang

Eine Stimme die aus dem Kerbholz widerhallt, wie das blaue Echo eines Traums aus den Windungen des Verstandes. Schuldig bist Du!, kreischt die hohe, schrille Stimme, Schuldig bist Du! Und alle stehen daneben und blicken betreten in die Stille und in das Echo und in den Hall, da sie reifen wollen.

Das Gegenteil vom Traum-Echo ist, wenn man schon fast eingeschlafen ist und dann mit einem Zucken wieder zurück in die Wirklichkeit geschleudert wird. Das ist die Wachmauer. ; Wenn man dann ein Traumecho schaut ist das wie Stereo. Auf einem Ohr taub und auf dem anderen eingeschlafen. Auch Stereo ist, wenn man morgens wieder in den Traum zurückfindet, Stereo das man auf einem Ohr hört, weil man auf dem anderen schon wacht.

Aber wer schläft statt zu schuften macht sich schuldig und kriegt eine Marke ins Kerbholz geschlagen. Wer zuviele Kerben hat wird eingeschläfert.

Der Mensch taugt mehr als sein Geld

  • Wenn man sich nach dem Aufstehen nicht ankleidet, braucht man sich abends nicht wieder umzuziehen.
  • Wenn man kein Geld hat, kann man die Eurokrise getrost ignorieren.
Was man tut, braucht man nicht zu denken, denke ich und gehe eisfischen. Am Ende des Tages habe ich einen großen Sack gefrorenen Wassers auf dem Rücken und gehe zurück in meine Kate, wo ich über einem kleinen Feuer das Eis schmelze um Suppe daraus zu kochen.

Maschinenleben

Ich habe Wladimir Putin weinen sehen. Ganz rot waren seine Augen und die Lesebrille beschlagen. Darum ist Putin so ein feiner Mensch, weil er weinen kann.

Einen Hagebuttenaufguss trinken und dazu Mohngebäck fressen, wie wenn es kein Morgen mehr gibt. Musik: Die brandenburgischen Konzerte in der Putin-Interpretation.

Der Chef kommt als Harlekin vorbei und drückt jedem einen dicken Kuss auf die Wange. Mich ekelt.

Wenn Apparate aus Stahl und Kupfer und mit langen, leitenden Drähten versehen sind, haben sie soetwas wie eine Seele. Und wenn nicht, wohnt ihnen doch wenigstens ein Dämon inne.

Im Zaubertrickladen verkaufen sie Tauben und Kaninchen. Es geht zu wie in einer Zoohandlung. Jedoch: Ich kaufe brennbares Papier. Ich war immer schon mehr der Feuerzauberer.

Abakus, Schreibmaschine und Radio sind heute eine Maschine. Sie kommt ganz ohne Öl und Kohle aus und braucht nur das ewige Licht der Sonne und die Kraft des Mondes um zu denken.