immer voran

Es regnet, ist düster. Gewitterdüster. Die vor mir liegende Straße ist lang und das Wasser zieht tief in meine Schuhe. Meine schönen, schwarzen Wanderschuhe. Die Sohle taugt wohl nichts mehr. Meine Socken sind feucht und bei jedem Schritt schmatzt es. Pfp, pfäbb, immer durch die Pfützen. Mein Haar hängt klatschnass über die Schultern, mein Verstand, stimuliert vom ewigen gleichgleich des Weges, beginnt kataton zu spintisieren. Pfp, pfäbb, Pfütze, prasseln; Pfp, pfäbb, Pfütze, prasseln. Was wenn das jetzt auf immer so weiter geht, mein Geist sich in dieser Endlosschleife verliert? Wo ist eigentlich Alex geblieben? Es können Minuten, Stunden, Wochen vergangen sein. Vermutlich ist er voraus, vielleicht auch zurückgefallen; dann sehen wir uns nie wieder.
Der Regen wird stärker. Vermutlich hat sich der Joyce in meiner Anoraktasche inzwischen vollständig aufgelöst. Oder aber ist fortgeschwommen, weg, dahin. Ich denke an den Bruder. Und an die Eltern. Die sitzen jetzt irgendwo im Trockenen.

Es geht weiter voran. Die Landstraße hinab. Und irgendwo wird auch wieder die Sonne scheinen.

Wetterbericht XV

15. Juni 2015
Auf den Bus wartend befühle ich meine Zähne mit der Zunge. Hier fühle ich die flachen, breiten Mahlzähne. Wie beim in gemächlicher Ruhe grasenden Büffel; spüre den warmen Präriewind, schmecke die trockene Luft und das dichte Grün des unendlichen Gräsermeers. Doch da ist auch der glatte, spitze Eckzahn. Wildes Erbe jagender Ahnen, verschlagener, hinterlistiger Raubtiere. Einer sein, der die Lefzen in rohes noch von Leben bebendes Fleisch schlägt. Ich koste das satte Blutrot des Irdischen. Millionen Jahre Evolution hallen von allen Wänden tausendfach zurück.

17. Juni
David Prochnow: „Lebenslauf, der:“ (Blut und Salzwasser auf Knochen in Kiste, Entstehung: 1985 bis)

5. September
Die anstehende Sonnenumrundung stimmt mich nervös. Es ist zwar nicht die erste Reise dieser Art, doch mit jedem neuen Versuch steigt die Wahrscheinlichkeit auf einen letalen Ausgang der Operation.

Traumtagebuch 18

Gemeinsam mit M. und P. stehe ich vor einem schick aufgemotzten Güterwaggon. In die Seite des Waggons ist eine große Schaufensterscheibe eingelassen, darüber steht „Mobiles Küchenstudio“. M. weiß zu berichten, dass wir dieses Mirakel der Initiative eines progressiven CDU-Lokalpolitikers zu verdanken haben. Sogleich klettern wir auf den Waggon und sehen uns das Dach an.
Da fährt die Bahn an, M. und ich sitzen erschrocken da und drücken unsere Rücken mit der Fahrtrichtung gegen einen kleinen Vorsprung. P. ficht die plötzliche Bewegung der Bahn nicht an, er will noch ein Telefongespräch führen. M. und ich packen ihn bei den Schultern und halten ihn flach auf das Dach des immer schneller dahin rasenden mobilen Küchenstudios gedrückt.
Am nächsten Bahnhof springen wir rasch ab. Noch so eine Fahrt will keiner von uns mitmachen.

Wetterbericht XIV

9. November 2014
Wände wohin man sich auch wendet. Also mit Köpfchen voran.

10. November
Was wenn ich sterblich wäre?

31. Januar 2015
Kälte und Dunkelheit sind mir die letzten Wochen mehr geworden als nur Motiv, Metapher, Mittel.

3. April
Unruhe, wilder Wind im fettigen Haar, Buchstaben verweben sich im Staub.

10. Juni
Der blaue Pflug vor dem Fenster ist so rostig wie eines Menschen Herz. Da muss doch mehr sein als das?

Traumtagebuch 17

Ein übler Gesell trennt Menschen von ihren Köpfen und anderen Gliedmaßen. Glücklicherweise komme ich ihm auf die Schliche und finde auch eine große Reisetasche voller blutiger Köpfe. Dem üblen Gesell gefällt nicht, dass ich sein Tun bei der Exekutive anprangern will.
Einen blonden Frauenkopf unter dem linken und einen Laptop mit weiterem belastendem Material unter dem rechten Arm fliehe ich durch einen Marmorgang.